| © 1984, 1996, 1997, 1999, 2002 Per N. Döhler, Barendorf. Alle Rechte, insbesondere das der Vervielfältigung auf elektronischem oder anderem Wege, vorbehalten. Kopien dürfen nur zum Eigengebrauch auf dem eigenen Computer angefertigt werden. Der Text oder Teile davon dürfen nicht in eigene elektronische oder andere Dokumente übernommen werden. Es wird empfohlen, statt dessen auf diese Seite zu verweisen (www.triacom.com/archive/semprag.de.html). |
2 Semantik der Modalverben 2.1. Dimensionen des semantischen Feldes der Modalverben
3 Pragmatik der Modalverben 3.1. Sprechakttypen und Grundbedeutung
4 Schlußbemerkungen
5 Bibliographie
6 Grafische Konventionen
7 Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit hat den Anspruch, etwas Licht auf einige semantische und pragmatische Aspekte der Modalität im Englischen zu werfen. Allerdings ist diese Zielsetzung zunächst zu unbestimmt, als daß man ohne die explizite Darstellung einiger wichtiger Prämissen direkt zur detaillierten Analyse beobachteter sprachlicher Daten übergehen könnte.
Vielmehr muß das Untersuchungsgebiet von vornherein hinreichend klar umrissen und eingegrenzt werden. Das folgende Kapitel widmet sich dieser Aufgabe und soll zugleich einige wichtige Begriffe vermitteln und den theoretischen Standpunkt der Arbeit bestimmen helfen.
Im einzelnen gilt es, Klarheit zu schaffen über:
1 Das untersuchte Phänomen: Modalität. Es muß definiert werden, was darunter verstanden werden soll und welche Untergliederungen notwendig sind.
2 Die untersuchte sprachliche Kategorie. Es gilt hier, diejenigen sprachlichen Kategorien zu definieren, in denen sich das untersuchte Phänomen manifestiert. Aus praktischen Erwägungen heraus ist eine Auswahl der zu beobachtenden Kategorien zu treffen.
3 Das untersuchte Material. Es gilt zu bestimmen, anhand welcher linguistischer Daten Untersuchungsergebnisse gewonnen und erklärt werden sollen.
4 Den Untersuchungsansatz. Hierunter ist die Ebene linguistischer Analyse zu verstehen, auf der das zu Untersuchende betrachtet wird. In der Wahl der Untersuchungsebene manifestiert sich das Erkenntnisinteresse des Untersuchenden sowie sein Urteil darüber, auf welcher Betrachtungsebene das untersuchte Phänomen seine Relevanz entfaltet.
Beginnend mit dem ersten Punkt - dem untersuchten Phänomen - sollen diese Voraussetzungen im folgenden geschaffen werden.
Der Begriff der Modalität stammt aus der formalen Logik. Dieser Ursprung ist auch heute noch vielen Linguisten für ihre Behandlung der sprachlichen Modalität ausschlaggebend. So beginnt auch der Artikel "Modalität" in LEVANDOWSKIs linguistischem Wörterbuch mit der logischen Definition der Modalität:
1. In der Logik die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit, Notwendigkeit oder Zufälligkeit von Aussagen bzw. die Art und Weise, in der Prädikate Subjekten zukommen, im Gegensatz zur Wahrheit oder Falschheit von Aussagen1.
Ausgehend von dieser Definition wird der Begriff der Modalität auf die Sprache übertragen:
2. Eine... Kategorie, die das Verhältnis des Sprechers zur Aussage und das der Aussage zur Realität bzw. zur Realisierung eines Gegebenen zum Ausdruck bringt...2
Eine modale Aussage ist eine Aussage "höherer Ordnung". Sie besteht aus zwei Teilen, der Grundaussage (sie entspricht dem, was bei LEWANDOWSKI die Aussage an sich genannt wird) und der modalen Komponente, die die in der Definition von LEWANDOWSKI unter 2. angeführte Modalität beinhaltet.
Aussagen zeichnen sich in der formalen Logik dadurch aus, daß man ihnen einen Wahrheitswert (falsch oder wahr) zuordnen kann. Bei der Betrachtung modaler Aussagen muß man sich von dieser Vorstellung lösen. Die Grundaussage ist dort aussagenlogisch unbestimmt.
Ich will dies einmal an einem Beispiel demonstrieren. Dabei bediene ich mich der Konvention, die der Aussage zugrundeliegende Proposition, die in Subjekt und Prädikat zerfällt, formelhaft so darzustellen:
(A,p)
Setzt man einmal als Subjekt "Suzie" ein und als Prädikat "drive a truck", so gelangt man zu der Proposition
(Suzie,drive a truck)
Auf der Basis dieser Proposition kann man eine einfache Aussage bilden, zum Beispiel über eine gegenwärtig ausgeführte Handlung:
Suzie is driving a truck.
Dieser einfachen Aussage kann ein Wahrheitswert zugeordnet werden - entweder stimmt es, daß Suzie gerade einen Laster fährt, oder es stimmt nicht. Soweit lassen sich die Grundsätze der formalen Logik anwenden.
Bildet man aber aufgrund derselben Proposition eine modale Aussage, dann kann die Grundaussage aussagenlogisch unbestimmt sein3. Vom Standpunkt des Sprechers aus gesehen kann diese Unbestimmbarkeit der Aussage zwei Gründe haben:
1 Die Grundaussage bezieht sich auf eine (noch) nicht realisierte zukünftige Handlung.
2 Der Sprecher weiß nicht mit Bestimmtheit, ob die Grundaussage wahr ist.
Diese beiden möglichen Gründe für die Unbestimmbarkeit des Wahrheitswerts der Grundaussage charakterisieren zwei Arten der Modalität. Ich betrachte die erste Art als für den Bereich der Sprache, mit dem ich mich befassen will, den Bereich der Modalverben, als grundlegender und nenne sie deswegen Modalität schlechthin; nur wenn eine ausdrückliche Abgrenzung notwendig ist, gebrauche ich die Bezeichnung nichtepistemische Modalität. Die zweite Art der Modalität ist die epistemische Modalität.
Die modale Komponente einer nichtepistemischen modalen Aussage gibt an, welche von den Vorbedingungen für das Eintreffen oder Nichteintreffen einer zukünftigen Handlung vorliegt. Thematisiert wird immer nur eine bestimmte Bedingung. Bezieht sich also die obige Proposition (Suzie, drive a truck) auf die Zukunft, dann ist es noch nicht unveränderlich festgelegt, ob Suzie den Laster fahren wird und unter welchen Bedingungen. Wenn nun über dieser Proposition eine modale Komponente wie "Fähigkeit"4 operiert, dann erhalten wir die modale Aussage
Suzie can drive a truck.
was uns sagt, daß eine der notwendigen Bedingungen für das Eintreffen der beschriebenen Handlung, also für die Wahrheit der Grundaussage, vorliegt. Läge sie nämlich nicht vor, wie in
Suzie can't drive a truck.
dann kann die Handlung auch nicht stattfinden. Lautet aber die modale Aussage
Suzie must drive a truck.
so wird eine andere Vorbedingung bzw. ein anderer für die Ausführung der Handlung wichtiger Faktor thematisiert, nämlich ein äußerer Zwang.
Die Formel für eine modale Aussage lautet:
mod(A,p)
Die Proposition, die ich als Beispiel benutzt habe, hat ein handlungsfähiges Subjekt (Agens) und eine Handlung als Prädikat. (Daher wurde auch das Subjekt in den Formeln mit A abgekürzt.) Wir haben es hier mit dem Prototyp einer Grundaussage zu tun, über der die modale Komponente operieren kann5.
Zwar ist es heute möglich, modale Aussagen mit unbelebten Subjekten oder mit einem (agenslosen) Ereignis oder einem Zustand als Prädikat zu verwenden. Aber es handelt sich dabei um spätere Übertragungen (abgeschlossen etwa mit dem Übergang zum Altenglischen), und es lassen sich viele Beispiele finden, wo sich hinter einem Ereignis oder einem Zustand doch eine Handlung versteckt:
I will be there at six tomorrow.
Das Subjekt muß sich erst an den betreffenden Ort verfügen (Handlung), um dort sein zu können (Zustand). Die Konstruktion modale Komponente - Agens - Handlung ist aber die grundlegende und wird auch heute noch so empfunden.
Anders ist es bei der zweiten Art, der epistemischen Modalität.
Im Gegensatz zur nichtepistemischen Modalität, die verschiedene Vorbedingungen für das Eintreffen einer Handlung thematisiert:
mod (A,p)
ist es die Funktion der epistemischen Modalität
to make judgments about the possibility, etc., that something is or is not the case. Epistemic modality is, that is to say, the modality of propositions rather than actions, states, events, etc.6
Die epistemische Modalität drückt also nicht die Beziehung zwischen dem Subjekt/Agens A und dem Prädikat p aus, sondern die Beziehung zwischen dem Sprecher S (bzw. seinem Urteilsvermögen) und der Proposition (A,p) aus, d.h. seine Einschätzung des Wahrheitwerts oder auch seine Unsicherheit in bezug auf den Wahrheitswert:
modE ( S ( believe ( A,p ) ) )
Aus der Beispielproposition kann man folgende epistemisch-modale Aussage bilden:
Suzie may be driving a truck.
Dies ist eine Vermutung des Sprechers darüber, was Suzie im Moment tut. Prototypische Prädikate in epistemisch-modalen Aussagen bezeichnen einen Zustand, nicht eine Handlung. Man könnte sagen, daß die Natur der epistemischen Modalität statisch, die der nichtepistemischen Modalität dynamisch ist. Allerdings sind auch andere Prädikate möglich, wie die obigen Beispiele zeigen7.
Das sprachliche Phänomen "Modalität" kann auf verschiedene Arten realisiert werden, insbesondere grammatisch, lexikalisch und intonatorisch. Die im Rahmen dieser Arbeit zu behandelnde Möglichkeit der Realisierung ist lexikalisch und grammatisch. Dabei gibt es verschiedene Untergliederungen. Modalität wird im Englischen vorzugsweise durch den Gebrauch von Modaladverbien und Modalverben ausgedrückt; die im Deutschen stark ausgeprägte Verwendung von Modalpartikeln spielt im Englischen kaum eine Rolle. In der vorliegenden Arbeit befasse ich mich mit den Modalverben als Ausdrucksmittel der Modalität im Englischen.
Die englischen Modalverben kennzeichnen sowohl epistemische als auch nichtepistemische Modalität. Es handelt sich dabei nicht um zufällige Homonyme. SWEETSER führt dazu aus:
I shall suggest that root modal meanings are extended to the epistemic domain precisely because we view our reasoning processes as being subject to compulsions, obligations and other modalities, just as our real-world actions are subject to modalities of the same sort8.
SWEETSER argumentiert an anderer Stelle, daß sich vergleichbare Übertragungen auch in anderen Sprachen vollzogen haben9 und daß es sich daher um eine allgemein verbreitete Wahrnehmungsweise der beiden Arten von Modalität handeln muß.
Traditionell werden aufgrund formaler syntaktischer Eigenschaften hauptsächlich can/could, may/might, must, will/would, shall/should und eventuell noch ought to, need, dare als Modalverben angesehen. Aufgrund dieser formalen syntaktischen Eigenschaften stellen sich die Modalverben als Verben dar, die sich aber von anderen Verben, die ein verbales Komplement akzeptieren, abheben10. Doch schon die Schulgrammatiken sind gezwungen, die formal andersartigen BE ABLE TO, BE ALLOWED TO, HAVE TO usw. mit einzubeziehen, in der Regel mit der Begründung, daß sie die traditionell als solche bezeichneten Modalverben in den fehlenden Tempora ersetzen.
Eine solche Definition der Modalverben scheint mir für die Betrachtung der Modalverben unter semantischen und pragmatischen Aspekten ungeeignet. Im herkömmlichen Katalog nicht enthaltene Elemente werden genauso wie die anderen verwendet und sind unter semantisch-pragmatischen Aspekten ebenso als Modalverben einzustufen.
Aus dem gerade Gesagten ergeben sich aber die nächsten Probleme. Die Kategorie der Modalverben kann und soll nicht ins Uferlose erweitert werden. Hier muß also eine Auswahl getroffen werden. Im Rahmen dieser Arbeit werden folgende Lexeme als Modalverben angesehen und besprochen:
can/could
may/might
must
will/would
shall/should
have to
have got to
want to
Damit soll keineswegs gesagt werden, daß dies eine erschöpfende Liste der Modalverben sei. Vieles des in dieser Arbeit Gesagten läßt sich auch auf andere Modalverben anwenden. Mir scheinen jedoch die ausgewählten Modalverben die zentralen Ausdrucksformen der Modalität zu sein, denen gegenüber andere Modalverb-Lexeme in ihrer Wichtigkeit (auch nach Häufigkeitskriterien) zurücktreten.
Eine Arbeit, deren Schwerpunkt auch auf pragmatischem Gebiet, auf dem tatsächlichen Gebrauch der Sprache, liegt, kommt ohne empirische Daten nicht aus. Andererseits lassen Natur und Umfang der vorliegenden Arbeit die zeitaufwendige und immer problematische Erstellung und Auswertung eines eigenen Korpus nicht zu.
Aus diesem Grunde habe ich auf bereits bestehendes Datenmaterial zurückgegriffen. Das Korpus von Daten, dessen ich mich bedient habe, stammt aus einem Forschungsprojekt der Ruhr-Universität Bochum, das sich mit dem Lehren und Lernen kommunikativer Fähigkeiten beschäftigte. Dieses Datenmaterial ist seitdem von verschiedenen Forschern unter unterschiedlichen Aspekten ausgewertet worden. Ich möchte an dieser Stelle Frau Professor Juliane House-Edmondson dafür danken, daß sie mir die Daten zugänglich gemacht und mir - stellvertretend für die anderen Mitglieder des Forschungsprojekts - ihre Verwendung in dieser Arbeit gestattet hat.
Das Korpus besteht aus 41 Dialogen zwischen jeweils zwei Personen. Dabei handelt es sich nicht um spontane Dialoge. Vielmehr wurden die Dialoge unter kontrollierten Bedingungen auf Band aufgenommen. Die Dialogpartner hatten innerhalb eins Rollenspiels die ihnen zugedachten Rollen zu übernehmen. Es handelte sich bei den Sprechern um Studenten der Universität Essex, sämtlich muttersprachliche Sprecher des (britischen) Englisch. Die Dialoge sind so angelegt, daß sie einerseits ein möglichst diverses Spektrum von Themen darstellen, andererseits den Sprechern die Rollen, die sie zu übernehmen hatten, nicht fremd waren. Die sich daraus ergebenden Dialoge haben den Vorteil größtmöglicher Kontrollierbarkeit des Gesprächskontextes, verbunden mit größtmöglicher Natürlichkeit des Gesprächsverhaltens11.
Ich glaube nicht, daß die artifizielle Situation des Rollenspiels großen Einfluß auf die Verwendung der Modalverben in den Dialogen hatte. Denn bei den Modalverben handelt es sich um einen Bereich der Sprache, der im Bewußtsein des durchschnittlichen Sprechers wenig strukturiert ist und wo er oder sie Entscheidungen zugunsten der Verwendung des einen oder anderen Modalverbs auf einer "rein gefühlsmäßigen" Basis trifft, ohne daß das Bewußtsein für etwa vorhandene Regeln vorhanden wäre:
...When English is learned natively the meanings of those eight modals are learned so extremely early... that as an adult one has left them buried deep in one's subconscious where they are inaccessible to rational scrutiny by anyone but a ruthless professional analyst of languages12.
Das Korpus liegt mir in transkribierter Form vor. Die Orthographie ist weitgehend traditionell; phonetische Annäherungen werden nur gelegentlich bei Kürzungen wie gonna und manchen Phänomenen der Hesitation gemacht. Die Intonation ist in der Transkription markiert (gekennzeichnet sind auch Überlappungen der Gesprächsbeiträge) und gibt, wo angebracht, kurze Kommentare zum extralinguistischen, aber für das Gespräch relevanten Verhalten der Gesprächspartner. Auf konventionelle Interpunktion wird verzichtet.
Ich bin mir darüber im klaren, daß ein Korpus dieser Größenordnung keine allzu große an statistische Aussagekraft haben kann. Ich habe auch Gebrauchsweisen eines Modalverbs anerkannt, die nicht im Korpus belegt waren. Etwaige quantitative Beobachtungen, die aus der Analyse des Korpus entstanden sind, sind mit Zurückhaltung zu bewerten. Daher habe ich auch nur dort auf Häufigkeit oder Seltenheit einer Verwendung geschlossen, wo das Datenmaterial sehr deutlich in eine Richtung tendierte.
Ich habe also das Korpus verwendet als Rohmaterial für Belege und Beispiele sowie für die Analyse unübersehbarer Tendenzen und als Quelle der Nachdenklichkeit über manche Phänomene. Wo immer Beispiele zur Illustration einer Behauptung nicht zu finden waren, habe ich entweder eigene Beispiele angeführt oder Beispiele aus der Literatur übernommen.
Nachdem der Gegenstand der Untersuchung umrissen ist, gilt es jetzt darzulegen, von welchem Standpunkt aus er untersucht werden soll. Die vorliegende Arbeit betrachtet Aspekte der Semantik und der Pragmatik.
Dieser Ansatz schließt Überlegungen der (Morpho-) Syntax weitgehend aus oder beschränkt sie auf Hilfsfunktionen. Es wurde ja schon bei der Auswahl der zu untersuchenden Lexeme deutlich, daß ich mich nicht auf die Lexeme beschränkt habe, die gewisse formale Gemeinsamkeiten aufweisen. Im Gegensatz hierzu beginnen viele Autoren ihre Betrachtungen mit der Abgrenzung der untersuchten Modalverben nach formalen Kriterien. Dies halte ich für den hier gewählten Untersuchungsansatz nicht für glücklich, da sich andere als die syntaktisch isolierbaren Lexeme semantisch und pragmatisch ebenso wie diese verhalten.
Die Begriffe Semantik und Pragmatik bedürfen einer inhaltlichen Klärung. Ich sehe Semantik und Pragmatik als zwei voneinander abgrenzbare Bereiche. Ihnen ist allerdings gemeinsam, daß sie Bedeutungen, also Beziehungen zwischen der "Welt der Zeichen" und der "Welt der Dinge", untersuchen. LEECH erklärt generalisierend den Unterschied zwischen pragmatischer Bedeutung und semantischer Bedeutung so:
... Meaning in pragmatics is defined relative to a speaker and user of the language, whereas meaning in semantics is defined purely as a property of expressions in a given language, in abstraction from particular situations, speakers, or hearers13.
Dieser Definition möchte ich mich grundsätzlich anschließen.
Bezogen auf Modalverben folgt hieraus, daß es zu unterscheiden gilt zwischen der semantischen Bedeutung eines Modalverbs einerseits und der pragmatischen Bedeutung eines in einer konkreten Situation beobachteten Gebrauchs eines Modalverbs andererseits. Die Mehrzahl der bisherigen Forschungsansätze berücksichtigt diese notwendige Trennung nicht oder nur ansatzweise oder unsystematisch.
Die erschienenen Untersuchungen über die Bedeutungen der Modalverben lassen sich grob in etwa sieben Gruppen einteilen. Sie sollen im folgenden anhand von jeweils einem Beispiel kurz skizziert werden.
R.W. Zandvoort
A Handbook of English Grammar
5., revidierte Auflage. London: Longmans, 1966
Die Behandlung der Modalverben in ZANDVOORTs bekannter und vielzitierter Grammatik ist typisch auch für andere traditionelle Grammatiker. Seine Darstellung ist vielseitig und versucht im Rahmen des Vertretbaren fein zu differenzieren. Dabei arbeitet ZANDVOORT mit abstrakten semantischen Paraphrasen, die aus der Alltagssprache stammen und nicht weiter problematisiert werden:
MUST usually expresses a necessity, frequently a command, sometimes an assumption or conclusion. With NOT it expresses a prohibition... In such (past-time) contexts MUST may also serve to denote some foolish or annoying action or some untoward... event14.
Man sieht, daß hier nicht zwischen der epistemischen und der nichtepistemischen Modalität unterschieden wird. Was genau ein Modalverb unter welchen Bedingungen bezeichnet, wird ebenfalls nicht genauer untersucht. Grundlegende und marginale Bedeutungen sind nicht voneinander unterschieden.
Der Benutzer der Grammatik findet sich zwischen den verschiedenen Bedeutungsbeispielen nur schwer zurecht, da Bewertungskriterien nicht angegeben werden. Diese Kritik richtet sich aber nicht speziell gegen ZANDVOORTs Grammatik, sondern ebenso gegen andere bekannte Grammatiken des Englischen. Die erst in neuerer Zeit reichlicher vorhandene Literatur zur Semantik hat in sie alle noch keinen Eingang gefunden. Pragmatische Aspekte bleiben weitgehend ungeklärt.
W.F. Twaddell
The English Verb Auxiliary
Providence, Rhode Island: Brown University Press, 1963
Die strukturalistische Analyse TWADDELLs, die als Vorläufer der Matrixanalysen wie denen von JOOS oder BOUA angesehen werden kann, gibt zu jedem Modalverb eine Beschreibung der formalen semantischen Kategorien, die von ihm erfaßt werden. Die semantischen Paraphrasen sind abstrakter und auch eindeutiger als die in den Grammatiken seiner Zeit.
can inherent or permanent ability or possibility
dare inherent moral ability or justification
may contingent possibility, authoritative permission
need necessity contingent upon instruction or suggestion
shall program contingent upon instruction or suggestion
ought obligation, program of moral action
will predication, inherent futurity15
Neben dieser theoretischen Beschreibung macht TWADDELL Ausführungen über den Gebrauchswert der einzelnen Modalverben, wie zum Beispiel über OUGHT, NEED, DARE:
Some of them are passing into the category of catenatives (with following "to"), and their former modal functions are increasingly taken over by other modals or catenatives, either wholly or partly via suppletion16.
TWADDELL bietet in äußerster Kürze manchen interessanten Ansatz. Dieses Verdienst wird eigentlich nur wenig dadurch geschmälert, daß zwischen den beiden Arten der Modalität sowie zwischen Semantik und Pragmatik nicht unterschieden wird und Beispiele kaum angeführt werden.
Martin Joos
The English Verb: Forms and Meanings
Madison: University of Wisconsin Press, 1964
Für JOOS umfaßt das Spektrum der modalen Aussagen acht Möglichkeiten, die sich in einer dreidimensionalen Matrix anordnen lassen. Dementsprechend beschreibt er drei bedeutungsdifferenzierende Parameter in Form von binären Oppositionen:
| CASUAL | STABLE |
| ADEQUATE | CONTINGENT |
| ASSURED | POTENTIAL |
Diese Kategorien sind wie folgt definiert:
CASUAL
Die handlungsbestimmenden Faktoren sind Ergebnis von Zufall und Stimmungen
WILL, SHALL, CAN, MAY
STABLE
Die handlungsbestimmenden Faktoren sind "mores" der Gesellschaft
MUST, OUGHT TO, DARE, NEED
ADEQUATE
Vollständigkeit der handlungsbestimmenden Faktoren
WILL, SHALL, MUST, OUGHT TO
CONTINGENT
Lücke in den handlungsbestimmenden Faktoren
SHALL, MAY, OUGHT TO, NEED
ASSURED
Sanktionen bei Nichteintreten des Ereignisses
WILL, SHALL, MUST, OUGHT TO
POTENTIAL
Keine Sanktionen bei Nichteintreten des Ereignisses
CAN, MAY, DARE, NEED17
Es finden sich in JOOS' Analyse leider entscheidende Schwächen, sowohl im theoretischen Konzept als auch in der Anwendung auf das von ihm untersuchte Material.
Die Begründung für die drei Parameter der Modalverbenmatrix ist apriorisch. Die Besonderheiten der epistemischen Modalität erkennt man in Teilen der theoretischen Begründung, ohne daß auf sie näher eingegangen würde.
Das muß natürlich auch bei der Anwendung der Theorie zu Schwierigkeiten führen, besonders wenn - wie fast überall in der Literatur - nicht zwischen semantischer Basis und Gebrauchskonvention unterschieden wird.
JOOS sieht sich veranlaßt, zwischen "mature usage" und "immature usage" zu unterscheiden18. Dies ist eine einer sachlichen Darstellung nicht angemessene präskriptive Tendenz, und das Kriterium, ob der Sprecher "alle Parameter logisch verwendet"19, ist doch sehr vom subjektiven Urteil des Betrachters abhängig.
Schwerwiegender ist aber die Einführung einer konkurrierenden Matrix, des "archaischen" Sets der Bedeutungskomponenten20. JOOS braucht sie, um bestimmte Verwendungsweisen erklären zu können. Dieses Vorgehen entwertet nicht nur die Allgemeingültigkeit der vorher dargestellten Matrix, sondern es läßt auch noch die Frage offen, woran ein Hörer denn erkennen soll, ob eine bestimmte Verwendung eines Modalverbs nun der "archaischen" oder der "heutigen" Norm entspricht. JOOS erkennt aber hier die Diskrepanz zwischen semantischer und pragmatischer Bedeutung, wenn er sie auch auf eine unbefriedigende Weise erklärt.
Zusammenfassend ist zu sagen, daß JOOS, einer der Hauptvertreter der Matrixanalyse, sowohl die Stärken als auch die Schwächen dieses Ansatzes am besten verdeutlicht. Sein System ist elegant und theoretisch-logisch leicht nachzuvollziehen. Es erklärt auch eine Vielzahl der von ihm angeführten Beispiele. Jedoch wird es an vielen Stellen zu sehr strapaziert; es werden offensichtliche Widersprüche nicht zum Anlaß genommen, die Theorie zu überarbeiten und Sonderfälle zu integrieren. Die Schärfe der Analyse fällt dem Verlangen nach Eleganz der Darstellung nur zu häufig zum Opfer.
Lowell Bouma
The Semantics of the Modal Auxiliaries in Contemporary German
The Hague/Paris: Mouton, 1973
Lowell Bouma
"On Contrasting the Semantics of the Modal Auxiliaries in Contemporary English"
In: Lingua 37 (1975), 313-339
BOUMA (1973) entwirft in seinem Buch eine Theorie des Systems der deutschen Modalverben. Er lehnt sich dabei nach eigenen Aussagen an JOOS an. Er postuliert auf semantischer Ebene sechs Beziehungen (zwischen Realität und Aussage) in zwei Dimensionen:
| imminent | biased | precarious | |
|---|---|---|---|
| objective | MUSS | SOLL | DARF |
| subjective | WILL | MAG | KANN21 |
Neu ist hier, daß eine der Dimensionen nicht binär ist. Weiterhin interessant ist die Unterteilung in "objektive" und "subjektive" Modalverben. 1975 überträgt er dann das gefundene System auf das Englische:
| imminent | biased | precarious | |
|---|---|---|---|
| objective | MUST
HAVE TO OUGHT TO |
SHALL
SHOULD |
MAY |
| subjective | WILL
WANT TO |
WOULD LIKE TO | CAN22 |
Das Set der betrachteten Modalverben ist nicht auf den Bereich der "klassischen" Modalverben beschränkt, sondern BOUMA bezieht auch andere Lexeme mit ein, die semantische Funktionen von Modalverben haben.
Die Unterscheidung zwischen subjektiven und objektiven Modalverben zeigt Verständnis für Sprechereinstellungen. Aber den Schritt zu einer pragmatischen Theorie, die die semantische Theorie ergänzt, unternimmt BOUMA nicht. Die vielen wertvollen Bemerkungen zu einzelnen Verwendungen werden immer wieder in das Schema seiner (semantischen) Matrix gezwungen. Fast drängt sich der Eindruck auf, daß hier Erkenntnisse nicht durch die Theorie, sondern trotz der Theorie gewonnen wurden.
Man kann schließen, daß die Form der Matrixanalyse das Problem der Modalität nicht ausreichend erklärt. Bereits EHRMAN23, aber auch PALMER24 haben ähnliche Vorbehalte.
Madeline Ehrman
The Meaning of the Modals in Present-Day American English
The Hague und Paris: Mouton, 1966
EHRMAN versucht, nach ihren Beobachtungen zu den Modalverben auf der Basis eines umfangreichen amerikaischen Korpus eine Liste semantischer Grundbedeutungen der Modalverben aufzustellen.
It was my feeling before beginning, and it is still my feeling, that the idea of symmetrical or exceptionless semantic arrangement has been so appealing to students of the modal auxiliary that they have tended to overlook arrangements which are less tidy but perhaps correspond better to present-day usage25.
Sie gelangt unter anderem zu folgenden Ergebnissen:
CAN: nothing in the state of the world prevents the predication: A. there are certain positive qualities of the subject such that the way is cleared for the predication; B. no lack of permission prevents the predication; C. nothing in the state of the world prevents the occurrence of the predication.
MAY: nothing in the state of the world prevents the predication, and furthermore there is no guarantee that the predication will not occur.
WILL: the occurrence of the predication is guaranteed, either in a concrete (future time function) or a general (neutral time function) context: A. subject's volition has something to do with the guarantee; B. the predication is a natural consequence or concomitant of another factor or predication26.
EHRMANs Buch bietet eine Fülle sorgfältig gesammelten und kommentierten Materials, doch eine formaltheoretische Basis für diesen Ansatz fehlt weitgehend. Die "Grundbedeutungs"-Analyse, so sehr sie auch intuitiv ansprechend ist, läßt viele Fragen offen. PALMER27 weist auf mehrere Beispiele hin, in denen EHRMANs Grundbedeutung eine Reihe möglicher Verwendungen von Modalverben nicht erklärt. Meines Erachtens liegt dies wiederum daran, daß die Grundbedeutungen semantisch sind, aber oft pragmatische Verwendungsweisen erklären müssen. PALMER erkennt aber auch nicht diesen Grund, warum EHRMANs Analyse unvollkommen bleiben muß.
Geoffrey N. Leech
Towards a Semantic Description of English
London: Longman, 1969 (Kapitel 9: "Modality", 202-236)
LEECH versucht im Gegensatz zu EHRMAN (Seite 26), eine strukturierte Analyse der semantischen Komponenten der Modalverben zu geben:
My own view is that a structural and componential analysis can go a long way toward explaining the use of these (modal) auxiliaries, even though psychological and situational pressures (modesty, politeness, irony) conspire to strengthen or weaken, to widen or narrow, their use in certain contexts28.
Die Trennung zwischen Semantik und Pragmatik ist hier also bewußt vollzogen. Auch eine Art Feldeinteilung der Modalverben nimmt LEECH vor:
| 'Permission' | MAY(1)
CAN(1) |
MUST(1)
HAVE TO(1) |
'Obligation' |
| 'Possibility' | MAY(2)
CAN(2) |
MUST(2)
HAVE TO(2) |
'(Logical)
Necessity' |
| 'Willingness' | WILL(1)
SHALL(1) |
WILL(2)
WILL(2)29 |
'Insistence' |
Die Tabelle zeigt auf der linken Seite verschiedene Arten der Möglichkeit und auf der rechten verschiedene Arten der Notwendigkeit. Doch trotz dem Eindruck, den man aus dieser Tabelle gewinnt, sind die von LEECH postulierten semantischen Komponenten nicht direkt binär und auch nicht Parameter einer Matrix. Sie sind voneinander abhängig und nicht immer alle notwendig zur Beschreibung der Bedeutung eines Modalverbs. LEECH gibt folgende Parameter für die Beschreibung der Modalverben:
Causation (bidirektional)
Actuality (binär)
Constraint (schwach oder stark)
Authority (bidirektional)
Volition (bidirektional)
Ability (bidirektional)
Probability (binär)30
Ob diese Komponenten aber in irgend einer Form psychologisch real sind, dafür bleibt LEECH die Erklärung schuldig.
Julian Boyd/J. P. Thorne
"The Semantics of Modal Verbs"
In: Journal of Linguistics 5 (1969), 57-73
Bei diesem Artikel handelt es sich um den Versuch, die frühe Sprechakttheorie in eine Untersuchung der Modalverben zu integrieren31. Dabei zeigt sich - entsprechend dem Stand von 1969 - ein großer Einfluß von AUSTINs How to do Things with Words32, denn BOYD/ THORNE analysieren modale Aussagen als ein verstecktes performatives Verb enthaltend, manchmal dazu auch noch ein "konstatives" Verb. Daraus ergeben sich komplexe formalisierte Paraphrasen:
He may go =
1. I state neg I state non-past neg He go non-past
(I don't deny he goes)
2. I state neg Some proform imp non-past Him neg
He go non-past
(permission)33
Hierbei handelt es sich allerdings nicht eigentlich um einen pragmatischen Ansatz, sondern um eine sprechakttheoretisch verkleidete Komponentenanalyse. Es wird also trotz des unzweifelhaft vorhandenen Bewußtseins für Zusammenhänge und Unterschiede zwischen Semantik und Pragmatik die Pragmatik der Modalverben nicht erhellt.
Frank R. Palmer
Modality and the English Modals
London: Longman, 1979
Frank R. Palmer
"Modals and Actuality"
In: Journal of Linguistics 13 (1977), 1-23
PALMER (1979) ist die bisher umfassendste und genaueste Analyse der Modalität im Englischen. Sie hat nicht den Anspruch, ein sauberes und elegantes System der Modalverben zu bieten. PALMER zieht es vor, zu beobachten und differenziert darzustellen. Daher läßt sich sein Buch nicht einem der zuvor skizzierten Ansätze zuordnen.
Palmer unterscheidet zwischen
epistemischer Modalität
deontischer Modalität
dynamischer Modalität
wobei die letztere wieder in neutrale und subjektive Modalität unterteilt wird. Weiterhin unterscheidet er innerhalb dieser Formen der Modalität jeweils zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit.
Der weitaus größte Teil seines Buches ist den Belegen für seine Thesen gewidmet, wobei der Arbeit mit Korpusbelegen breitester Raum gewidmet ist. PALMER spart auch kontroverse Themen wie Futurität und volition nicht aus.
PALMER (1979) ist Pflichtlektüre für jeden, der sich mit Modalität im Englischen befaßt. Ich will an dieser Stelle darauf verzichten, auf einzelne Argumente PALMERs einzugehen, da ich mich in meiner Arbeit immer wieder mit seinen Argumenten auseinandersetzen werde.
Eine Schwäche ist allerdings auch bei PALMER die nicht durchgeführte Trennung zwischen Semantik und Pragmatik. Viele seiner Beobachtungen, die PALMER zur Postulierung immer neuer Bedeutungsvarianten veranlassen, könnten eigentlich im Bereich der Pragmatik erklärt werden und dadurch das theoretische Fundament von PALMER entscheidend verbessern. Hierin - und nicht in einzelnen Analysen, die vielleicht angreifbar sein mögen - sehe ich die eigentliche Schwäche der PALMERschen Arbeit.
PALMER (1977) ist ein Artikel, der sich mit Konnotationen von Verwendungen verschiedener syntaktischer Formen von CAN und WILL befaßt. Es geht also um Implikationen, nicht ausdrücklich Gesagtes, und daher ist dieser Artikel - auch wenn PALMER dies nicht explizit macht - ein Beitrag zur Pragmatik der Modalverben.
PALMER beleuchtet die Beziehung zwischen Realität und modaler Äußerung:
Part of the meaning of a verb phrase containing a form of one of the English modal verbs CAN and WILL is that the actions, events, etc., indicated by the following full verb, took place, take place and will take place.
... With future time reference CAN often implies that the event will take place - actuality implied.
... The past tense form could is not used when the event took place - actuality not implied.
... Could have is often used where it is implied that the event did not take place, and not that the ability was lacking - unreality is associated with the event rather than the modality34.
Es gelingt PALMER im folgenden, ausreichend Belege für seine These zu finden. Er verbindet syntaktische Form und pragmatischen Gebrauch direkt.
It is a reasonable assumption that to say that someone can perform a specific act implies that in the right circumstances he will perform it35.
PALMERs Aufsatz ist ein wertvoller Beitrag zu einem auch unter pragmatischen Gesichtspunkten relevanten Teilaspekt der Modalität im Englischen.
Wie sich aus der Betrachtung der Literatur ergibt, fehlt bisher ein Untersuchungsansatz, der Semantik und Pragmatik der Modalverben klar unterscheidet und dennoch die Zusammenhänge zwischen beiden zu erklären versucht.
Wer eine Äußerung verstehen will (unter Äußerung verstehe ich - entsprechend dem Terminus utterance bei LEECH36 - etwas in einer konkreten Situation Gesagtes, das linguistische Produkt einer Sprechhandlung), benötigt in der Regel die Kenntnis ihrer semantischen Bedeutung und kann erst dann ihre pragmatische Bedeutung erschließen. Meiner Meinung nach ist die semantische, also die situationsunabhängige, Bedeutung von zentraler Wichtigkeit für die Analyse ihrer pragmatischen Bedeutung in einer konkreten Situation.
Wegen dieser Wichtigkeit werde ich die semantische Bedeutung künftig Grundbedeutung nennen.
Aber nicht nur Äußerungen haben eine Grundbedeutung. Auch einzelne Lexeme - natürlich auch die hier zu betrachtenden - haben eine Grundbedeutung. Es müssen also die Grundbedeutungen der Modalverben eruiert werden. Ich werde dies in Abschnitt 2 tun und dabei auch verschiedene Ansätze aus der Literatur mit verarbeiten - an semantischen Beschreibungen der Modalverben fehlt es ja nicht.
Die theoretische Begründung der pragmatischen Komponente meines Untersuchungsansatzes ist komplexer als die der semantischen Komponente. Insbesondere bedarf es einer Klärung der verwendeten Parameter.
Die Definition zweier Begriffe möchte ich vorweg geben. Ich verstehe unter Gebrauch eines Modalverbs, daß es in einer Anzahl ähnlicher Sprechsituationen mit annähernd gleicher pragmatischer Bedeutung eingesetzt wird. Gebrauch ist also ein Kollektivum, synonym mit Verwendungsweisen. Verwendung ist ein bestimmtes Vorkommen eines Modalverbs in einer einzelnen Äußerung in einer konkreten Situation. Entsprechend verhalten sich die Verben gebrauchen und verwenden.
Nach LEECH sind für die pragmatische Interpretation einer Äußerung unter anderem folgende Parameter wichtig:
Äußerungskontext
Sprecherabsichten
Sprechhandlung/Sprechakt
Die Äußerung selbst37
Diese Parameter sind entscheidend für den Ablauf jeder sprachlichen Interaktion.
Die primäre Erscheinungsform der sprachlichen Interaktion ist das Gespräch zwischen mindestens zwei Teilnehmern. Um diese Form geht es vor allem in meiner Arbeit. Der verwendete Korpus enthält ausschließlich Äußerungen dieses Diskurstyps.
Eine entscheidende Größe für den Ablauf eines jeden Gesprächs ist die jeweilige Bewußtseinslage der Teilnehmer. Als triviale Bewußtseinsinhalte kann man z.B. bezeichnen, daß sich jeder Teilnehmer der Gegenwart der anderen Teilnehmer und seiner unmittelbaren Umgebung bewußt ist. Dies ist für jeden Teilnehmer unmittelbar erfahrbar.
Jeder Teilnehmer verfolgt mit seinen Gesprächsbeiträgen Absichten bezüglich anderer Teilnehmer. Diese Absichten sind ihm in der Regel auch bewußt38.
Ziel des Kommunikationsprozesses ist es, die eigenen Absichten den anderen Gesprächsteilnehmern mitzuteilen, d.h. sie ihnen ebenfalls bewußt zu machen. Aber dies ist nur möglich, wenn zwischen den Gesprächsteilnehmern Gemeinsamkeiten bestehen, die die Kommunikation über Neues vermittels bereits Bekanntem erst ermöglichen. Der einzelne Gesprächsteilnehmer setzt einige dieser Gemeinsamkeiten zu Beginn des Gesprächs voraus und entdeckt weitere Gemeinsamkeiten im Verlauf des Gesprächs.
Eine nicht-triviale Voraussetzung für das Zustandekommen von Kommunikation ist es, daß der jeweilige Hörer die Zeichen des jeweiligen Sprechers entschlüsseln kann, also im Fall der verbalen Kommunikation den Sprechercode hinreichend beherrscht, daß ihm die Zeichen (Wörter usw.) ein für den Zweck der Kommunikation ausreichendes Bild der Aussage und der Absichten des Sprechers vermitteln. Nicht nur die Kenntnis der Sprache ist hier notwendig, sondern auch bis zu einem gewissen Grad das Einfühlungsvermögen in Dialekt, Soziolekt und Idiolekt. Mit anderen Worten: Sichere Beherrschung der semantischen Interpretationsmöglichkeiten ist in der Regel Voraussetzung für das Verständnis von Äußerungen.
Die Annahme, daß diese gemeinsame Voraussetzung gegeben ist, ist die erste in einer Reihe von Partnerhypothesen eines Gesprächsteilnehmers über die Bewußtseinsinhalte der anderen. Hypothesen sind es deswegen, weil die Codegemeinsamkeiten nicht immer so unmittelbar erfahrbar sind wie die Gegenwart des anderen oder die unmittelbare Umgebung.
Partnerhypothese bedeutet "Annahme über den Partner, die für die Motivation der Äußerung eine Rolle spielt..."39. "Der Begriff 'Partnerhypothese' greift die Perspektive eines Partners heraus und ist gleichsam eine Momentaufnahme..."40.
Es bestehen bei jedem Gesprächsteilnehmer Hypothesen über den Wissens-, Erfahrungs- und Erlebnisstand seiner Partner - oder auch über deren Partnerhypothesen. Diese Partnerhypothesen gründen sich entweder auf frühere Erkenntnisse eines Gesprächsteilnehmers über die anderen - insbesondere wenn es sich um deren persönliche Erfahrungen und Erlebnisse handelt - oder aber auf Annahmen über das, was die Gesprächspartner in einer sozialen, kulturellen oder institutionellen Rolle zu tun oder zu äußern pflegen. Jeder Gesprächsteilnehmer schreibt seinen Partnern - und auch sich selbst - für die Zwecke der aktuellen Kommunikation solche Rollen zu. Je besser die Zuordnung der Rollen und des begleitenden Rollenverhaltens zu den Gesprächspartnern deren Selbsteinschätzung entspricht, um so einfacher wird die Kommunikation.
Eine für die sprachliche Kommunikation wichtige Partnerhypothese ist es, daß jeder Gesprächsteilnehmer um die Einhaltung rollenübergreifender Gesprächsmaximen bemüht ist. Die Gesamtheit dieser Maximen nennt GRICE das kooperative Prinzip (cooperative principle):
Make your conversation contribution such as is required, at the stage at which it occurs, by the accepted purpose or direction of the talk exchange in which you are engaged41.
Unter diesem Prinzip subsumiert GRICE verschiedene Maximen der Quantität, Qualität, Relevanz sowie der Art und Weise.
So soll ein Gesprächsbeitrag weder mehr noch weniger informativ sein als notwendig (Quantität), er soll wahrhaftig sein (Qualität), relevant sowie durchsichtig, d.h. nicht obskur oder doppeldeutig, dafür kurz und geordnet (Art und Weise)42. Ein Gespräch ist durch kooperative Anstrengung charakterisiert43, auch wenn die Standpunkte kontrovers sind. Wichtig für das Gelingen der Kommunikation ist die wechselseitige Annahme, daß alle Gesprächsteilnehmer sich bemühen, diese Maximen zu beachten. Wird eine Maxime offensichtlich verletzt, ohne daß ein Grund dafür oder ein Versehen vorliegt, dann gilt, daß die Äußerung, die eine Maxime verletzt, in einem gegebenen Kontext so interpretiert wird, daß die intendierte Bedeutung eruiert wird. Dazu muß sich der Hörer fragen:
How can his saying what he did say be reconciled with the supposition that he is observing the overall C[ooperative] P[rinciple]?44
Wenn S p sagt und q meint, dann sagt man, S impliziert q konversationell (und "beutet dabei eine Maxime aus"), wenn S die Maximen allgemein beachtet und der Hörer q aus p im gegebenen Kontext erschließen kann - guten Willen vorausgesetzt45. Genau das passiert - wie ich noch zeigen werde - beim Gebrauch der Modalverben häufig.
Durch häufigen Gebrauch derselben Art von Maximenausbeutung in vergleichbaren Kontexten können sich Klassen von konversationellen Implikationen bilden, die konventionalisiert sind, wo also p direkt q bedeutet und nicht mehr auf Umwegen aus q erschlossen werden muß. Es ändert sich dadurch de facto die Grundbedeutung einer Äußerung. Sind nicht einzelne Wörter betroffen, sondern eine Phrase, entsteht ein Idiom.
Hier sind jedoch die Übergänge fließend, und da der Prozeß, durch den p aus q eruiert wird, nicht unmittelbar beobachtbar ist, kann die Grenze zwischen konversationeller und konventioneller Implikation nicht klar gezogen werden.
Die Notwendigkeit, statt p q zu sagen, kann sich aus Normen der sozialen Interaktion - allen voran den Höflichkeitsnormen - ergeben. EDMONDSON folgend kann man diese Normen auf hörerunterstützende Maximen (H-supportive maxims) zurückführen, die von ihm so zusammengefaßt werden:
- Support your hearer's costs and benefits!
- Suppress your own!
- Give benefits when you receive them!46
Sprachlich manifestieren sich die hörerunterstützenden Maximen in der sozialen Deixis. LEVINSON versteht darunter
... those aspects of language structure that encode the social identities of participants (properly, incumbents of participant roles), or the social relationships between them, or between one of them and persons or entities referred to47.
Derartige Aspekte sprachlicher Struktur gibt es viele48, aber interessieren können an dieser Stelle nur diejenigen, die sich - quasi grammatikalisiert - in der Morphologie manifestieren, nämlich insofern, als sie determinieren, ob ein Modalverb gebraucht wird und ggf. welches.
Durch die Höflichkeitsnormen wird geregelt, in welcher Form ein Sprecher die soziale Position eines anderen verbal und offen anzuerkennen hat. Die soziale Rolle innerhalb einer Gesprächssituation kann (aus der Sicht des jeweiligen Sprechers) folgendermaßen gestaltet sein:
1 Der Angesprochene ist dem Sprecher übergeordnet in einer asymmetrischen sozialen Rollenverteilung (Vorgesetzter, anerkannte Respektsperson o.ä.)
2 Der Angesprochene hat in der gegenwärtigen Gesprächsphase aufgrund anerkannter sozialer Rechte eine übergeordnete soziale Stellung insofern, als die Entscheidungsbefugnis über eine bestimmte Handlung bei ihm liegt.
Diese Art von Autorität unterscheidet sich deutlich von der unter 1. beschriebenen institutionell oder fachlich-wissensmäßig bedingten Autorität, da sie lokaler Natur ist. Es handelt sich hier wie bei allen Partnerhypothesen um eine Momentaufnahme. Diese lokale Art der Autorität ist vielleicht besser mit dem Begriff Recht beschrieben; das bedeutet hier das Recht, über die Handlung eines bestimmten Agenten (A,p) zu bestimmen, wobei der Sprecher selbst auch der Agent sein kann. Ob einzelne Rechte aufgrund von Autorität im Sinne von 1. oder aufgrund des allgemein zugestandenen Verfügungsrechts eines Partners über seine eigene Person und sein Wohlbefinden im Rahmen der sozial zugestandenen Selbstbestimmung oder aber aufgrund anderer im sozialen Kontext bestehender Rechte entsteht, ist hier ohne Belang. Auch kann es ohne weiteres geschehen, daß ein Gesprächspartner dem anderen oder sich selbst Rechte bezüglich p zuordnet, aber der Partner anderer Meinung ist - es handelt sich ja um eine Beziehungshypothese.
3 Weder Sprecher noch Angesprochener haben besondere Vorrechte.
4 Der Sprecher hat in der gegenwärtigen Gesprächsphase aufgrund anerkannter sozialer Rechte eine übergeordnete soziale Stellung insofern, als die Entscheidungsbefugnis über eine bestimmte Handlung bei ihm liegt.
5 Der Sprecher ist dem Angesprochenen übergeordnet in einer asymmetrischen sozialen Rollenverteilung (Vorgesetzter, anerkannte Respektsperson o.ä.)
4 und 5 sind die Umkehrungen von 2 und 1.
Das Wissen, welche der Strukturen nach 1-5 vorliegt, ist von Wichtigkeit beispielsweise dafür, ob eine bestimmte Sprechhandlung als Befehl oder als Ratschlag aufzufassen ist.
Die H-Support-Maximen fordern nun, daß der Sprecher die höhere Stellung oder bestimmte Rechte des Partners anerkennt, falls diese bestehen, aber die eigene höhere Stellung oder seine eigenen Rechte herunterspielt. Hierzu dienen im Englischen grammatisch gesehen vor allem die Modalverben. So kann zum Beispiel anstelle eines Befehls ein Hinweis auf eine Fähigkeit des Angesprochenen stehen, der dann von diesem unter Berücksichtigung der auch ihm bekannten sozialen Stellung des Sprechers als Befehl erkannt wird. Auch respektvolle Distanz kann durch Höflichkeitsnormen erforderlich werden, die dann durch die Wahl von Modalverben an sich oder durch die Wahl von ihren tentativeren Formen sprachlich realisiert wird.
Allgemein sind folgende Höflichkeitsnormen zu beachten:
1 Die eigene soziale Stellung ist verbal abzuwerten.
2 Die soziale Stellung des Angesprochenen ist aufzuwerten.
3 Die persönliche Integrität des Gesprächspartners ist durch verbale Distanz zu betonen.
4 Höflichkeit ist mit Höflichkeit zu beantworten.
Dies entspricht den oben beschriebenen Forderungen von EDMONDSONs H-Support-Maximen.
Das im Abschnitt über die pragmatische Komponenente meines Untersuchungsansatzes bisher Gesagte läßt sich wie folgt zusammenfassen:
Die Sprecherabsicht wird im Rahmen eines gegebenen Gesprächskontexts kundgetan, über deren interaktive Komponente (also denjenigen Teil des Kontexts, der die Gesprächsteilnehmer selbst umfaßt) beim Sprecher Hypothesen bestehen, die Partnerhypothesen. Dieses Kundtun der Absicht bezeichnet man als Sprechakt; dieser Sprechakt manifestiert sich sprachlich als Äußerung.
Sprechakte sind von verschiedenen Autoren nach verschiedenen Gesichtspunkten gegliedert worden. AUSTIN49 und SEARLE50 klassifizieren die illokutionären Akte - Ausdruck der Sprecherabsichten - im wesentlichen anhand von angenommenerweise in der Tiefenstruktur der Sätze enthaltenen, aber meist nicht expliziten, performativen Verben.
EDMONDSON, einer der Vertreter der seit der Mitte der siebziger Jahre immer mehr an Beachtung gewinnenden Diskursanalyse, schreibt 1981 über die performative Analyse, also über die Sprechakttheorie von AUSTIN (und SEARLE):
The point here is that the Austinian analysis simply bypasses the problem of distinguishing semantic and pragmatic meaning...51
Aus diesem Grund und aus anderen Gründen schlägt er eine andere Art der Analyse vor, die er die "deskriptivistische Analyse" nennt. Es geht ihm nicht mehr darum, Formeln für postulierte Sprechakttypen zu finden, sondern vielmehr darum, herauszufinden, warum eine bestimmte Äußerung in einem bestimmten Kontext eine bestimmte pragmatische Bedeutung hat. Auch weist er zu Recht darauf hin, daß die illokutionäre Kraft, also die Natur des Sprechakts, "verhandlungsfähig" ist, also nicht immer eindeutig und bestimmt52.
Weiterhin verlangt EDMONDSON, daß die Klassifikation von Sprechakten nach interaktionellen und nicht nach rein formallogischen Kriterien zu geschehen habe.
Dieser Haltung möcht ich mich anschließen und gleichzeitig feststellen, daß sie für die Analyse des Gebrauchs der Modalverben von unmittelbarer Bedeutung ist. Die Analyse gewinnt nämlich an Klarkeit und Schärfe, wenn man den Versuch unternimmt, Semantik und Pragmatik der Modalverben deutlich voneinander zu trennen. Mit einem geeigneten Modell von Gesprächssituationen und ihren Teilnehmern ist es noch am ehesten möglich, den Gebrauch der Modalverben zu beschreiben, ohne auf semantischer Ebene auf Ad-hoc-Definitionen von der Art "Es gibt auch noch CAN in der Bedeutung x" zurückgreifen zu müssen.
Mit dieser erneut auftretenden Forderung bin ich wieder am Ausgangspunkt meiner theoretischen Überlegungen angelangt. Bei diesen Überlegungen ist bereits wiederholt angedeutet worden, in welcher Beziehung Semantik und Pragmatik bei der Analyse der Modalverben zueinander stehen. Diese möchte ich in Form von zwei Hypothesen konkretisieren.
Hypothese 1
Die Bedeutungen aller Modalverben sind in einem strukturierten semantischen Feld anzusiedeln. Alle Modalverben dienen dazu, Handlungen, Ereignisse oder Sachverhalte, die in der realen Welt (noch) nicht existieren oder existiert haben oder über deren tatsächliche Existenz sich der Sprecher im unklaren ist, zu charakterisieren. Diese allen Modalverben gemeinsame Eigenschaft ist das Hauptattribut des semantischen Feldes der Modalverben, innerhalb dessen die verschiedenen Modalverben Segmente einnehmen. Die Grundbedeutung eines gegebenen Modalverbs ist durch das Segment bestimmt, das seine Anwendungen in neutralen (konstativen) Sprechakten im Feld belegen.
Hypothese 2
In allen denjenigen Fällen, in denen die Modalverben nicht in ihrer Grundbedeutung verwendet werden, läßt sich diese Verwendung aufgrund von Kooperations- und anderen Gesprächsmaximen aus der Grundbedeutung ableiten. Dieser Prozeß ist regelhaft darstellbar.
Selbstverständlich sind diese Hypothesen nur dann von Bedeutung für die linguistische Analyse, wenn es gelingt, sie mit Inhalt zu füllen, also die Grundbedeutungen der Modalverben anzugeben und pragmatische Verwendungen nach aufzustellenden Regeln daraus abzuleiten.
Dies ist aber kein einfacher Prozeß und geht nicht so geradlinig, wie es zunächst den Anschein haben mag. Es ergeben sich nämlich durch die Dynamik der pragmatischen Verwendungen der Modalverben und durch ihre Häufigkeit Rückkopplungsprozesse, die eigentlich eine dritte Hypothese mit einer historischen Dimension erfordern:
Hypothese 3
Wenn durch den häufigen Gebrauch eines Modalverbs in häufig vorkommenden Situationstypen in einer gemäß Hypothese 2 abgeleiteten pragmatischen Bedeutung dieser Gebrauch konventionalisiert wird, dann können Rückwirkungen auf die semantische Bedeutung eintreten. Diese können darin bestehen, daß das Modalverb nunmehr auch in anderen Teilen des semantischen Feldes der Modalverben, außerhalb des ursprünglich eingenommenen Segments, angesiedelt wird oder daß das Modalverb in einer ursprünglich gegebenen Bedeutung nicht mehr uneingeschränkt verwendet werden kann. So entstandene Lücken werden bei Bedarf durch andere Lexeme aufgefüllt. Auch Konkurrenzsituationen zwischen einzelnen Modalverben können auftreten.
Betrachtet man einmal genauer die verschiedenen Schritte meiner Arbeitshypothesen, so erkennt man, daß in ihnen ein Prozeß zyklischer Natur dargestellt ist. Nimmt man arbiträr irgendeine prototypische Grundbedeutung eines Modalverbs an, so läuft nach meinen Hypothesen der Anwendungs- bzw. Verdrängungsprozeß in folgenden Stadien ab:
1 Die Grundbedeutung des Modalverbs erlaubt in der interaktiven Situation dessen Verwendung zur Kennzeichnung einer Sprecherintention, die in der Grundbedeutung selbst nicht enthalten ist.
2 Durch häufigen Gebrauch des Modalverbs in ein und derselben interaktiven Situation wird die übertragene Bedeutung der Sprechergemeinschaft allmählich als eigenständig bewußt.
3 Früher nur situativ verständliche Verwendungen des Modalverbs verselbständigen sich und kristallisieren sich in einer eigenständigen Bedeutung auf semantischer statt auf pragmatischer Ebene.
4 Nach der Lexikalisierung der übertragenen Bedeutung bleiben nun Rückwirkungen auf die Grundbedeutung nicht aus. Die Grundbedeutung wird erweitert, das Modalverb in neue Bereiche des Feldes hineingezogen (Pull-Faktoren).
5 Besteht die Gefahr, daß es zu Verständniskonflikten kommt, weil Aussagen mit einem Modalverb aufgrund der Ausdehnung seines Geltungsbereichs nicht mehr eindeutig sind, dann kann ein anderes Lexem in den Bereich des Feldes "eindringen", der vorher von der "alten" Grundbedeutung abgedeckt wurde.
6 Durch diese Desambiguierung sinkt die funktionelle semantische Belastung des Modalverbs wieder, und die Entwicklung der "neuen" Bedeutung kann fortschreiten (Push-Faktoren).
7 Natürlich erfährt auch der Bereich, in den sich das Modalverb hineinentwickelt, durch diesen Prozeß Umstrukturierungen. Ein Modalverb, das hier vorher angesiedelt war, wird seinerseits eine Bedeutungsentwicklung durchmachen. Diese kann in einer Einschränkung des Geltungsbereichs (bis hin zur Obsoleszenz) bestehen, aber auch in einer Kette von weiteren Verschiebungen innerhalb des Feldes.
8 Die neue Struktur der Grundbedeutungen eröffnet wieder neue Möglichkeiten situativ bedingter Verwendungen - der Kreis schließt sich.
Die englischen Modalverben sind im Laufe ihrer Entwicklung schon durch mehrere solcher Zyklen gegangen, und die Entwicklung dauert an. Hierdurch erklärt sich auch teilweise die verwirrende Komplexität ihrer Bedeutungen, denn es gehört zur pragmatischen Kompetenz eines Sprechers des Englischen, daß er weiß, daß sich die Grundbedeutungen der Modalverben, wie er sie versteht und anwendet, nicht unbedingt immer genau mit den Auffassungen anderer Sprecher decken. Diese leichten intersubjektiven Verschiebungen und Variationen sind nicht nur im Bereich der Modalverben zu beobachten, sondern sie sind typisch für alle Bereiche der Sprache.
Für diese Arbeit stellen sich aber daher manche schwer zu beantwortenden Fragen. Was ist noch konversationell impliziert, was schon konventionalisiert oder gar lexikalisiert? Was ist prototypisch, was eher Randerscheinung oder versteinertes Relikt früherer Stufen der Sprachentwicklung? Und: Wo genau sind die Prototypen der Modalverben anzusiedeln, was sind synchronisch ihre Grundbedeutungen? Ich glaube, daß arbiträre Urteile nicht immer zu vermeiden sein werden. Aber es ist auch andererseits genug Gemeinsames wahrzunehmen; eindeutige Schwerpunkte sind festzustellen, die es erlauben, in etwa anzugeben, an welchem Punkt der Sprachentwicklung wir heute sind.
Eine schlüssige Darstellung der Entwicklung der Grundbedeutung der Modalverben seit altenglischer Zeit kann im Rahmen dieser Arbeit - die ja doch ihren Schwerpunkt im synchronischen Bereich hat - sicher nicht geboten werden. Ich beschränke mich im wesentlichen auf die ersten beiden Hypothesen. Allerdings muß gerade bei den semantischen Beschreibungen mit manchen Ungereimtheiten und Unebenheiten gerechnet werden, die Ausdruck oder Überrest dynamischer historischer Prozesse sind. Ohne gelegentliche historische Anmerkungen wird man im folgenden Kapitel, das sich mit der Semantik der Modalverben befaßt, nicht auskommen können.
Schon aus der Grundhypothese ergibt sich, daß es der erste Schritt zur Beschreibung der Modalverben sein muß, ein semantisches Grundschema aufzustellen, das die Grundlage aller weiteren Betrachtungen bildet. Um von diesen ausgehend dann die einzelnen Verwendungen der Modalverben angemessen, d.h. möglichst umfassend, beschreiben zu können, müssen wir die situativen Gegebenheiten im Diskurs, wie Sprecherintentionen, Teilnehmerbeziehungen und das den Gesprächsteilnehmern gemeinsame Wissen übereinander berücksichtigen.
Das nun folgende Kapitel befaßt sich jedoch noch ausschließlich mit der Grundbedeutung. Pragmatische Gesichtspunkte werden noch kaum berücksichtigt. Sie können auch erst dann erklärt werden, wenn die Grundbedeutung der Modalverben ausreichend definiert ist.
Meines Erachtens sind die Grundbedeutungen der Modalverben am besten mit einer Art Feldmodell zu erfassen. Dabei beziehe ich mich ausdrücklich nur auf nichtepistemische Modalität, da die epistemische Modalität meines Erachtens im Englischen eine sekundäre Erscheinung ist.
Unter Feld verstehe ich eine Zusammenstellung von Lexemen mit einem inhärenten gemeinsamen Merkmal. Bei den Modalverben ist dieses gemeinsame Merkmal, daß sie alle einen Aspekt der Verwirklichungsbedingungen einer Handlung beschreiben. Am Rande des Feldes können sich einzelne Elemente mit den Randelementen anderer Felder (z.B. dem der Modaladverbien) überschneiden. Die Elemente des Feldes (Modalverben) gruppieren sich um mehrere voneinander abhängige Kerne. Die Beziehungen der Elemente untereinander sind systematisch beschreibbar, wiewohl stets ein gewisser Grad semantischer Unbestimmtheit bleibt und die genauen Grenzen der Feldelemente unscharf sind. In der Möglichkeit, trotz verschiedener Unschärfen dennoch Zusammengehöriges zu organisieren und in Beziehung zu bringen, liegt aber gerade die Nützlichkeit des theoretischen Feldbegriffs53.
Die Grundbedeutungen der Modalverben ergeben sich dann aus ihrer Stellung im Feld. Zwar kann es hier nicht - wie in einer Matrixanalyse - um die Füllung vordefinierter "Leerstellen" gehen, aber es ergeben sich doch konzeptionelle Schwerpunkte.
Die Kenntnis der Grundbedeutungen der Modalverben innerhalb des semantischen Feldes "Modalität" bildet die Voraussetzung für die Vielfalt der verschiedenen Verwendungsweise der Modalverben. Sie wird zur Grundlage für eine "freiere" Auslegung der Modalverben im sprachlichen Gebrauch genommen, stellt also gewissermaßen den "Minimalkonsens" zwischen den Sprechern dar.
Die Modalverben dienen in ihrer Grundbedeutung zur Kennzeichung einer der Vorbedingungen für das Eintreffen oder Nichteintreffen einer Handlung. Dabei kann man diese Vorbedingungen in zwei Klassen einteilen. Zum einen kann durch Modalverben ausgedrückt werden, daß eine Möglichkeit zur Verwirklichung einer Handlung besteht, andere Modalverben zeigen an, daß eine Notwendigkeit zur Verwirklichung einer Handlung besteht. Diese Zweiteilung ist auch die bei PALMER zu findende Grundeinteilung.
Leider nur ist die sprachliche Wirklichkeit wesentlich unschärfer, als dies diese klare Zweiteilung vermuten läßt. Denn in der realen Welt operieren oft Faktoren, die eine Handlung ermöglichen, gleichzeitig mit anderen, die sie verhindern. So nützt im Satz
Suzie can drive a truck
diese Fähigkeit ihr überhaupt nichts, wenn gleichzeitig gilt
but she cannot be here on Saturday
und es gilt, eine größere Sendung am Samstag von der Bahn abzuholen.
Möglichkeiten können mehr oder weniger ausgeprägt, Notwendigkeiten mehr oder weniger zwingend sein oder miteinander in Konkurrenz stehen, so daß sich für die Begriffe der Möglichkeit und der Notwendigkeit Unschärfen ergeben. Sie gehen allerdings nicht so weit, daß die grundsätzliche Unterscheidung analytisch unbrauchbar wird.
Eine zweite Dimension des Feldes der Modalverben ist bestimmt durch die Quelle der Modalität. Die Quelle der Modalität ist für das Bestehen der Möglichkeit oder Notwendigkeit verantwortlich. Sie ist nicht notwendigerweise identisch mit dem Agens der Proposition oder dem Sprecher. Eher handelt es sich um den Urheber der Umstände, die dazu führen, daß eine Ausführung von (A,p) möglich oder notwendig wird. (Für die epistemische Modalität ist Quelle der Modalität abweichend zu definieren als die Gründe, aufgrund derer der Sprecher annimmt, daß (A,p) der Fall ist.) Natürlich handelt es sich wieder nicht um "objektive" Feststellungen, sondern vielmehr um die Einschätzung der Quelle der Modalität durch den Sprecher.
In einem Extremfall hängen die Vorbedingungen für die Verwirklichung einer Handlung allein von Faktoren ab, die innerhalb des Subjekts der Proposition liegen, wie in
... you can hold a basic conversation in French I suppose... (02.2)
Zur tatsächlichen Verwirklichung der Handlung sind zwar noch andere Faktoren nötig, im obigen Beispiel vielleicht die Verfügbarkeit eines geeigneten Gesprächspartners, thematisiert werden aber die internen Faktoren.
Im anderen Extremfall hängt die Möglichkeit oder Notwendigkeit von Faktoren ab, die außerhalb des propositionalen Subjekts zu suchen sind:
... a person with his own integrity could get to the top... (36.3)
Hier entscheidet nicht ausschlaggebend das Subjekt a person... über Möglichkeiten des Vorwärtskommens im allgemeinen, sondern letztendlich müssen andere es ermöglichen.
In stark polarisierter Form liegt diese Unterscheidung schon dem Schema BOUMAs54 zugrunde, der eine klare Unterscheidung zwischen subjektiven und objektiven Modalverben trifft. Er entwickelt diese Terminologie zwar für die deutschen Modalverben, aber er überträgt sie in einer späteren Arbeit ebenso auf das Englische55. Meines Erachtens ist diese Opposition als binäre Polarität nicht haltbar; sie ist wichtig und nützlich für die Klärung der der Semantik der Modalverben zugrundeliegenden Konzepte, aber bei der praktischen Feststellung der Quelle der Modalität ergeben sich sofort Schwierigkeiten. BOUMA weist zwar darauf hin, daß die Unterscheidung von "subjektiv" und "objektiv" von Standpunkt des Sprechers aus gemacht wird56. Aber es ist doch oft der Fall, daß sowohl interne, innerhalb des Subjekts der Proposition liegende, als auch externe Faktoren zusammenwirken und daß dem Sprecher dies auch bewußt ist.
PALMER erkennt denn auch zu Recht bei der Postulierung seiner "dynamischen" Modalität, daß oft interne und externe Quellen der Modalität nicht ohne weiteres voneinander zu trennen sind, und geht von der Existenz einer "neutralen" dynamischen Modalität aus57. Insbesondere ist auf die häufige Internalisierung ursprünglich äußerer Zwänge hinzuweisen.
Während also das semantische Feld der Modalverben durch die Begriffe Möglichkeit und Notwendigkeit in zwei Teile geteilt wird, läßt sich die Dimension Quelle der Modalität am besten als ein Kontinuum denken, innerhalb dessen gleitende Übergänge von einer ausschließlich internen zu einer ausschließlich externen Quelle der Modalität möglich sind. Die Beziehung zwischen den beiden ist gekennzeichnet durch einen Bedeutungsgradienten, wie LEECH/COATES ihn in einem neueren Artikel definiert haben58.
Danach ist Gradienz ein Typ der linguistischen Unbestimmtheit, die zwischen zwei Kategorien a und b besteht, wenn es dazwischenliegende Fälle gibt, die weder a noch b eindeutig zugeordnet werden können.
Die Beziehungen zwischen internen und externen Quellen der Modalität sind entsprechend vielfältig. So kann in einem Satz wie
I must go home now.
must auf eine Notwendigkeit hinweisen, die stark extern ist, vielleicht ein äußerer Zwang durch eine Autoritätsperson, aber vielleicht auch nur auf die vom Sprecher gesehene und mitbeeinflußbare Notwendigkeit, die z.B. dadurch bedingt sein kann, daß er beschlossen hat, etwas zu tun, das seine Anwesenheit zu Hause erfordert.
Das semantische Feld der Modalverben hat noch eine dritte Dimension. Man kann - wiederum dem Beispiel von LEECH/COATES folgend - unterscheiden zwischen solchen externen Quellen der Modalität, die konkrete Personen sind, und externen Quellen, die eher realweltgesetzlich sind. Auch hier handelt es sich wieder nicht um eine binäre Opposition, sondern um einen Gradienten. Die fließenden Übergänge haben LEECH/ COATES an folgenden Beispielen dargestellt:
You can't do that - I forbid it
You can't do that - it's against the rules
You can't do that - it would be breaking the law
You can't do that - it wouldn't be reasonable
You can't do that - it wouldn't be right
You can't do that - it would be against the law of gravity59
Es kann aber nicht davon ausgegangen werden, daß es sich in allen diesen Fällen um semantisch separate Lexeme handelt. Die Grundbedeutung von CAN schließt alle im Beispiel angedeuteten Bedeutungen mit ein. Die genaue Schattierung ist häufig nur aus Ko- und Kontext zu erschließen.
Die obigen Ausführungen zusammenfassend läßt sich sagen, daß das semantische Feld der Modalverben drei Dimensionen hat (Anhang 1).
Dabei stellt die erste Dimension die Opposition Möglichkeit - Notwendigkeit dar. Diese Dimension ist stark um die beiden kennzeichnenden Begriffe polarisiert.
Die zweite Dimension stellt den Gradienten zwischen internen und externen Quellen der Modalität dar, betrachtet von angenommenen Standpunkt des propositionalen Subjekts. Etwaige Internalisierungsprozesse externer Quellen sind sekundär und erst auf pragmatischem Gebiet relevant. Hier geht es aber nur um die semantischen Grundbedeutungen.
Die dritte Dimension stellt den Gradienten zwischen personenbedingten und durch Gesetzmäßigkeiten der realen Welt bedingten Quellen der Modalität dar. Sinnvoll ist diese Unterscheidung nur bei externen Quellen der Modalität, denn zwischen personenbedingter und realweltgesetzlich bedingter interner Möglichkeit und Notwendigkeit unterscheidet im heutigen Englisch kein Set von Modalverben.
Bei der Charakterisierung der Grundbedeutungen der Modalverben bediene ich mich zur Veranschaulichung einer graphischen Darstellung, wie sie in Anhang 2 zu sehen ist.
Als allgemeinste Formel für die Semantik modaler Aussagen kann nach dem Gesagten gelten:
Q CAUSE Mod (A,p)
oder in Worten ausgedrückt:
Eine Quelle der Modalität (Q) bewirkt die Modalität (Mod) für das Agens (A) der Proposition (A,p), eine Handlung (p) auszuführen.
Dabei kann Q die Werte I, R, P oder irgend einen Zwischenwert annehmen. Mod kann die Werte M oder N annehmen. Hierbei bedeuten:
M Möglichkeit
N Notwendigkeit
I interne Quelle
P personenbedingte externe Quelle
R realweltgesetzlich bedingte externe Quelle
Jede Verwendung eines Modalverbs in der Grundbedeutung kann durch einen Punkt im "Möglichkeitsdreieck" oder im "Notwendigkeitsdreieck" symbolisiert werden.
Man beachte jedoch, daß die Dimensionen wohl gradierbar, aber nicht quantitativ erfaßbar sind. Es kann daher jeder Teilbereich des Feldes nur durch seine Beziehungen zu anderen Teilbereichen, nicht aber absolut eingeordnet werden.
Beim Versuch der Einordnung der einzelnen Modalverben in das Feld stellt man fest, daß ihre Belege "streuen". Doch gruppieren sich die Streuungen um jeweilige Schwerpunkte.
Diese Schwerpunktbereiche symbolisieren die prototypische Grundbedeutung der Modalverben, deren Verständnis auf seiten des Sprechers und des Hörers allen - auch den durch interaktive Prozesse übertragenen - Verwendungen der Modalverben zugrundeliegt.
Das heutige Modalverb CAN hat sich aus dem altenglischen CUNNAN entwickelt, das ursprünglich soviel bedeutete wie 'geistig fähig sein' und mit KNOW verwandt ist60.
Nach Auffassung von STANDOP war CUNNAN im Altenglischen erst auf der Schwelle zum Status eines Modalverbs und bedeutete hauptsächlich 'verstehen, wissen zu'61. Es hatte auch syntaktisch noch die Eigenschaft, häufiger als die anderen altenglischen Modalverben ohne einen Infinitiv konstruiert zu werden (vergleichbar der im Deutschen heute noch ohne weiteres möglichen Fügung ich kann Englisch). Später jedoch habe MAGAN seine ursprüngliche Bedeutung an CUNNAN abgegeben, und die Bedeutung des intellektuellen 'wissen' sei von anderen Verben übernommen worden62.
Jedenfalls hat sich die Bedeutung von CUNNAN/CAN zunächst auf den Bereich 'körperlich fähig sein' ausgedehnt. Dabei wirde MAGAN/MAY verdrängt (Push-Faktor) oder aber ein durch die Entwicklung von MAGAN/ MAY hinterlassenes Vakuum oder eine entstandene Mehrdeutigkeitsgefahr beseitigt (Pull-Faktor). Die weitere Entwicklung führte zur Bedeutung 'Möglichkeit mit Quelle in den Bedingungen der realen Welt'.
Auf der anderen Seite wird CAN in der Bedeutung 'körperlich/geistig fähig sein', in der Terminologie dieser Arbeit also in der Bedeutung 'Möglichkeit mit Quelle in der Person des propositionalen Subjekts", heute oft durch BE ABLE TO verdrängt. Vielleicht wiederholt sich hier derselbe Prozeß, der sich schon im Altenglischen zwischen CUNNAN und MAGAN vollzogen hat. BE ABLE TO tritt auch im Konjugationsparadigma an die Stelle der fehlenden Zeiten von CAN, wenn dies die Zeitenfolge im Satz erfordert.
Alle genannten Bedeutungen von CAN sind im Korpus belegt:
(Geistige) Fähigkeit:
yeah umh I have to erm assess your capabilities I see erm well we'll put your name in here school of ens- uh Norwich County Council uhm has studied for four years uh erm well now I know that you're very capable you know in French language so I'll just er have a look through these and try and assess which I think would be more suitable uhm you can hold a basic conversation in French I suppose yes (02.2)
(Körperliche) Fähigkeit:
well the only place I can see is that farmhouse over there (09.2)
Realweltliche Möglichkeit:
oh dear oh dear it (a paper) was meant to be in such a long time ago I don't know what will happen now anyway I suppose if you go back now it'll be allright but you can't go back I mean there isn't a bus for an hour (18.2)
Oft allerdings ist die Quelle der Modalität diffus, und CAN bezeichnet die Möglichkeit an sich:
I suppose that he can get a ticket and all that but (10.1)
CAN wird auch gebraucht als Bezeichnung der 'Möglichkeit mit Quelle in einer anderen Person als der des propositionalen Subjekts' (gewissermaßen 'Erlaubnis', oder besser gesagt Abwesenheit von Verbot). Jedoch ist dies meiner Meinung nach heute noch ein abgeleiteter, pragmatischer Gebrauch:
I mean this woman is complaining and of course she didn't get her way but nevertheless the complaint was that er men were being paid more than women for a cleaning job well they can't do that can they I mean (40.4)
Diese Bedeutung von CAN könnte wohl allmählich Teil der Grundbedeutung werden, aber sie kommt außerhalb des Sprechakts REQUEST, wo sie ja konversationell impliziert ist, selten vor. Prototypisch ist diese Bedeutung also nicht. Man erkennt dies auch daran, daß die Bedeutung von CAN im Sprechakt REQUEST oft scherzhaft-erzieherisch thematisiert wird und die Sprecher damit demonstrieren, daß CAN "eigentlich" nicht MAY in seiner prototypischen Bedeutung verdrängen sollte:
Child: Can I go out to play?
Adult: I don't know if you can, but you may.
CAN kann also in der Grundbedeutung alle Bereiche des Sektors "Möglichkeit" abdecken; prototypisch sind heute die extern-realweltliche Möglichkeit und auch die interne Möglichkeit oder Fähigkeit (vgl. Anhang 3).
Could ist - wenn in der Grundbedeutung von CAN gebraucht - Konditionalform, nur ausnahmsweise Imperfekt.
MAY ist mit nur sechs Belegen im Korpus ein eher marginales Modalverb. Die Bedeutung des altenglischen MAGAN ist in MAY nicht mehr präsent. Die Bedeutung 'körperliche Fähigkeit'63 wird schon im Altenglischen diffus, und "MAGAN wird zum Ausdruck der Möglichkeit gebraucht (NED 3, 'expressing objective possibility, opportunity, or absence of prohibitive conditions'). Dies ist ein Bereich, für den auch heute noch MAY in Frage kommt."64
Die Grundbedeutung von MAY ist heute 'Möglichkeit mit Quelle in einer anderen Person als der des propositionalen Subjekts' (man vergleiche die Bedeutung des deutschen DÜRFEN). Im Korpus findet sich nur ein Beispiel, und dieses ist nicht einmal neutral in der Grundbedeutung, sondern sprechaktsignalisierend verwendet (Bitte um Erlaubnis):
may I come in for a moment (25.1)
MAY hat heute hauptsächlich Bedeutung als epistemisches Modalverb, was MAY aus dem semantischen Feld der Modalverben herauszieht, denn epistemische Bedeutungen sind keine Grundbedeutungen. Andererseits dringt CAN langsam in die Domäne von MAY ein (siehe Anhang 3).
MIGHT wird bewußt nicht unter MAY, sondern unter einer separaten Überschrift behandelt. Zwischen MAY und MIGHT besteht nicht dasselbe Verhältnis wie zwischen can und could. MIGHT ist niemals Vergangenheitsform von MAY - mit Ausnahme der indirekten Rede.
I can come and go as I please.
When I was younger I could come and go as I pleased.
I may come and go as I please.
*When I was younger I might come and go as I pleased.
Aber:
He said that I might come and go as I pleased.
Auch als Konditionalform von MAY läßt sich MIGHT weder in der Grundbedeutung noch in einer übertragenen Bedeutung gebrauchen. Allenfalls epistemisch kann might als tentativere Form von MAY gelten.
Außerhalb des epistemischen Bereichs hat MIGHT heute nur Bedeutung als tentativere Variante von CAN - noch tentativer als could -, und selbst dies nur in übertragenen Verwendungen.
Daher wäre wohl MIGHT ähnlich wie CAN zu analysieren. In diesem Fall kann man folgern, daß sich MIGHT gegenüber den historischen Bedeutungsverschiebungen als resistenter erwiesen hat als MAY.
MUST hat sich aus altenglisch MOTAN entwickelt. Dessen Bedeutung wird im Wörterbuch in wesentlichen mit 'dürfen' angegeben65. Nach STANDOP ist jedoch die Grundbedeutung von MOTAN schwerer zu fassen. Er postuliert als Grundbedeutung 'mir ist zugemessen worden' und leitet daraus ab, daß MOTAN einerseits 'dürfen' heißen konnte, andererseits 'müssen' schon inhärent ist66. Aber die Übertragung 'dürfen'-'müssen' ist meines Erachtens auch mit meiner Hypothese zu erklären, wenn nämlich die Sprecher beim Vorliegen eines Zwanges eher (aus Höflichkeit?) einen vorgeblich noch freien Willen oder ihre Erlaubnis thematisierten. Dies geschieht auch heute noch im Sprechakt REQUEST, wo unter bestimmten Umständen you can mit 'du mußt' zu glossieren ist. Diese pragmatischen Faktoren sieht STANDOP nicht, betont er doch die rein semantische Seite des Sprachwandels. Man wird ihm dies jedoch kaum vorhalten können, denn einerseits war 1957 die Beschäftigung mit der Pragmatik noch nicht verbreitet, und außerdem liegen aus altenglischer Zeit nur wenige und durchweg literarische Texte vor.
Vielleicht ist MOTAN abgedrängt worden durch denselben Prozeß, der MAY in seine heutige Grundbedeutung brachte. Die alte Bedeutung 'dürfen' spiegelt sich wider im ungewöhnlichen Verhalten von MUST in der Negation, wo die Negationspartikel nicht wie bei anderen Modalverben die Modalität, sondern vielmehr die Proposition verneint. Daher entspricht must not weitgehend may not67.
Grundbedeutung von MUST ist 'Notwendigkeit mit externer Quelle in den Bedingungen der realen Welt'. Entscheidend ist hier, wie der Sprecher die Quelle darstellen will. Es ist durchaus möglich, daß die Quelle persönlicher Natur ist; dennoch versucht durch den Gebrauch von MUST der Sprecher die (logische) Notwendigkeit zu betonen. Natürlich ist ohne diese prototypische Grundbedeutung kein abgeleiteter Gebrauch analysierbar, aber im Korpus kommt sie in reiner Form dennoch nicht vor. Alle nichtepistemischen Belege für MUST, bei denen man zunächst die Grundbedeutung vermuten könnte, sind bei näherer Betrachtung als situationsbedingt übertragen verwendet zu analysieren.
Wo MUST in der Grundbedeutung gebraucht würde, findet sich im Korpus ausschließlich HAVE TO. Dies ist interessant besonders vor dem Hintergrund der Behauptung PALMERs, daß MUST und HAVE TO weitgehend austauschbar und eventuelle Bedeutungsnuancen schwer faßbar seien68. Diese Diskrepanz zwischen PALMERs und meiner Analyse ergibt sich aus den unterschiedlichen theoretischen Ansätzen. Auf der semantischen Ebene ist es tatsächlich so, daß MUST und HAVE TO etwa dasselbe Segment im Feld der Modalverben abdecken (vgl. Anhang 3). Die Differenzierung ergibt sich durch den pragmatischen Gebrauch. Durch ihn wird HAVE TO funktionell den Modalverben gleichgestellt, auch wenn es syntaktisch nicht die gleichen Merkmale hat. Gestützt wird das natürlich auch durch die Tatsache, daß HAVE TO MUST in den nicht vorhandenen Zeiten des Konjugationsparadigmas vertritt.
Etwa in der Hälfte der Korpusbelege wird HAVE TO in der Grundbedeutung verwendet:
... so I have to assess your capabilities I see (02.1)
... if you have to pay for that sort of damage yourself (29.4)
HAVE GOT TO hat mit MUST gemeinsam, daß es nicht in seiner postulierten Grundbedeutung im Korpus vorkommt. (Übrigens kommt es wie MUST nur im Präsens vor.) Aufgrund der Natur der Belege in sprechaktanzeigender Verwendung ist für die Grundbedeutung 'Notwendigkeit mit Quelle in den Bedingungen der realen Welt' anzunehmen. Im Vergleich zu MUST und HAVE TO liegt die Betonung noch deutlicher auf der unpersönlichen Natur der Quelle der Modalität. Dieser unterschiedliche Fokus wird bei allen pragmatischen Verwendungen von HAVE GOT TO ausgenutzt.
WILLAN bedeutete im Altenglischen eindeutig das Wollen, den Ausdruck freien Willens, wie dies ja auch noch bei seinem neuhochdeutschen Kognat der Fall ist69. Von allen englischen Modalverben hat WILL den deutlichsten Bezug zur Zukunft70.
Für die Analyse der heutigen Grundbedeutung ergeben sich zwei grundsätzliche Probleme. Zum einen sind die Belege für WILL in der Bedeutung 'wollen' im heutigen Englisch äußerst selten71. War ursprünglich die Grundbedeutung 'Notwendigkeit mit Quelle innerhalb der Person des propositionalen Subjekts' (vgl. Anhang 3), so ist es dort heute in fast allen Fällen durch WANT TO verdrängt, das formal nicht zu den Modalverben gezählt wird, aber die Funktionen eines solchen hat. Man kann andererseits auch nicht behaupten, daß diese Bedeutung vollkommen verschwunden ist, denn mindestens in der Frage und in der Negation kommen auch heute noch Verwendungen vor, die eine Wollenskomponente beinhalten:
oh great and then will you have a drink (35.6)
But she loves him and she won't leave him; so she sells herself72
Die Schwierigkeit der Analyse im Einzelfall ist durch die besondere Natur des Tempus Futur mit begründet. Es handelt sich nämlich beim Futur um ein Tempus, das ähnliche Voraussetzungen hat wie alle modalen Äußerungen: Es geht immer um hypothetische, noch nicht verwirklichte Handlungen, wie bei allen Modalverben. Man kann davon ausgehen, daß jede Aussage über die Zukunft auch immer gleichzeitig eine modale Ausage sein muß. Die Entwicklung eines Modalverbs (im Englischen WILL) zu einem syntaktischen Marker für ein Futur, in dem die modale Komponente eine untergeordnete Rolle spielt und das augenscheinlich voll ins Tempussystem integriert ist, ist daher semantisch äußerst motiviert und hat Parallelen in anderen germanischen Sprachen.
Das sagt aber noch nichts darüber aus, ob WILL bereits seine Selbständigkeit als Modalverb eingebüßt hat und zu einem abhängigien Morphem grammatikalisiert worden ist. TWADDELL geht beispielsweise so weit zu behaupten, daß "... WILL has no meaning beyond prediction per se."73 JENKINS behauptet, daß es sich beim Futur nur um eine besondere Form von epistemisch gebrauchtem WILL handelt74. PALMER hingegen hält eine solche Auffassung für nicht angebracht. Er führt an, es gebe im Englischen eine besondere Konstruktion zum Ausdruck von zukünftigem epistemischem WILL, nämlich WILL + BE -ing -Form:
John will come tomorrow
John will be coming tomorrow75
Ich möchte mich auf den Standpunkt stellen, daß die prototypische Bedeutung von WILL auch heute noch im semantischen Feld der Modalverben angesiedelt ist, da sich einige Verwendungsweisen von WILL aus einem Futurmarker-Prototyp nicht herleiten lassen. Diese prototypische Bedeutung ist nicht mehr ganz mit der des altenglische WILLAN identisch, da die Quelle der Modalität nicht immer nur im propositionalen Subjekt allein zu suchen ist. WILL kann etwa paraphrasiert werden als 'Notwendigkeit mit Quelle in den Bedingungen der realen Welt, die aber durch den Willen des propositionalen Subjekts mit bedingt und verantwortet ist' (vgl. Anhang 3).
WILL unterscheidet sich von MUST dadurch, daß die Notwendigkeit in der Regel durch das Subjekt mit beeinflußbar ist, also subjektiv ist und eine deutliche Wollenskomponente hat. Dabei ist aber auch die Bedeutung 'ich garantiere, daß p der Fall sein wird' schon so weit konventionalisiert, daß WILL sich gelegentlich mit prototypischem MUST/HAVE TO überschneidet.
WILL ist andererseits bereits aus dem semantischen Feld der Modalverben "herausgewandert" und kennzeichnet eine vorhergesagte Zukunft mit (im Gegensatz zu BE GOING TO) sprecherinvolvierter subjektiver Komponente.
Die alte Bedeutung von WILLAN muß heute in der Regel durch andere Lexeme ausgedückt werden. Von diesen ist WANT TO das wichtigste.
WANT TO hat - besonders im umgangssprachlichen wanna - bereits ein typisches Merkmal der Modalverben angenommen: Es wird in der Verbalphrase - kontrastive Betonung einmal unberücksichtigt - schwachtonig gesprochen wie "richtige" Modalverben, während sonst bei der Kombination zweier Verben beide starktonig gesprochen werden:
I inténd to léave at nóon.
I want to léave at nóon.
Die Grammatikalisierung von WILL ist in der Konditionalform besonders deutlich. Would + Infinitiv stehen zusammen für die Konditionalform des Hauptverbs:
I would help him if I could.
Auch der Gebrauch von would als Marker für die Konditionalform ist vor dem Hintergrund der Tatsache zu sehen, daß die Konditionalform bei (noch) nicht realisierten Handlungen gebraucht wird, genau wie dies beim Futur der Fall ist.
Der Gebrauch von would als Konditionalmarker ist ebenfalls eine "Grundform" (wie futurisches will). Sie gehört zwar nicht in das semantische Feld der Modalverben, aber da es sich ja bei WILL grundsätzlich um ein Modalverb handelt, werde ich einige aus der Konditionalbedeutung abgeleitete Verwendungsweisen ebenfalls unter dem übertragenen Gebrauch von WILL betrachten müssen, da eine Unterscheidung nicht immer klar getroffen werden kann.
Negatives would kann außer der konditionalen Bedeutung auch die Imperfektbedeutung haben, die dann deutlich die Wollenskomponente zeigt. Hier ist die Parallele zu negativem will (won't) auffällig.
I had asked Thomas' opinion on this delicate matter, but he wouldn't commit himself.
well er I mean that doesn't mean to really say that the man's in the wrong just simply because the women wouldn't do it (40.2)
Would vertritt weiterhin will, would in der indirekten Rede, wenn im übergeordneten Satz eine Vergangenheitszeitform steht.
SHALL hat sich aus altenglischem SCULAN entwickelt, dessen Bedeutung letztlich mit SCHULDEN zusammenhängt76. STANDOP schreibt dazu: "Das 'Sollen' ist in erster Linie eine Verpflichtung oder ein 'Schuld'-Verhältnis zwischen Personen."77 SCULAN bezeichnete eine Notwendigkeit, und zwar mit einer stark personalisierten Konnotation. Es übernahm im Altenglischen noch viele Aufgaben, die heute von prototypischem MUST/ HAVE TO/HAVE GOT TO übernommen worden sind. Durch die Ausweitung des Geltungsbereichs dieser Modalverbs ist SHALL heute eingeengt auf die stark personengebundene Bedeutung, allerdings in der Regel nicht bezogen auf eine oder mehrere konkrete Personen (vgl. Anhang 3).
Es wäre allerdings nicht richtig, SHALL als Komplement zu MUST aufzufassen. MUST kann auch dort eingesetzt werden, wo die Quelle der Modalität in Personen liegt; der Sprecher thematisiert dann aber nicht diese Quelle, sondern interpretiert sie als einer nicht personenbezogenen realweltlich bedingten Quelle gleichwertig.
Shall, das formale Präsens, ist heute in seiner Verwendbarkeit stark eingeschränkt.
Zum einen - hier ist eine Parallele zu WILL vorhanden - kann shall eine Erwartung über ein zukünftiges Ereignis ausdrücken, ist also wie will als Tempusmarker verwendbar. Die präskriptive Grammatik schrieb eine komplementäre Distribution vor, wobei shall in der ersten Person Singular und Plural, will in anderen Fällen Anwendung finden sollte. Auch heute noch hat die Befolgung dieser Norm, speziell in formelleren Kontexten insbesondere des britischen Englisch, einen gewissen Prestigewert. EHRMAN geht sogar so weit zu behaupten:
... It may be said of the present-day usage... that shall is most likely to be a stylistic device expressing the same basic meaning as that of will but also reflecting a quantity of formal education which the writer wants to show.
Das mag in denjenigen Fällen richtig sein, in denen shall als Futurmarker grammatikalisiert ist. Aber für die Erklärung anderer Verwendungen braucht man doch die von mir angenommene Grundbedeutung.
Shall findet sich heute an häufigsten in Fragesätzen.
Well, what did she say she wants me to do? Shall I go up and talk to Mr. Sloane right away or shall I finish my own work first?
Hier wird nach der Notwendigkeit, die ihre Quelle in einer Person hat, gefragt.
Eine weitere wichtige Rolle spielt shall in der Juristensprache. In dieser wird es formelhaft gebraucht, um eine Notwendigkeit auszudrücken, deren Quelle der Gesetzgeber ist, also eine personifizierte Institution; die Notwendigkeit ist ausdrücklich nicht naturgesetzlich bedingt. In dieser speziellen Textsorte hat shall seine Grundbedeutung am eindeutigsten bewahrt.
In suits at common law, where the value in controversy shall exceed twenty dollars, the right of trial by jury shall be preserved, and no fact tried by a jury shall be otherwise reexamined in any court of the United States than according to the rules of the common law78.
Das erste shall im vorstehenden Beispiel zeigt eine weitere Verwendungsweise, die für die Juristensprache typisch ist. Sie verwendet shall in konditionalen Nebensätzen zur Anzeige des futurischen Bezuges (in der dritten Person), auch in if- und when- Sätzen, wo dieser Zeitbezug in der Standardsprache unbezeichnet bleibt.
Es wäre verfehlt anzunehmen, daß es sich bei obigem fast zweihundert Jahre alten Text um antiquierte Sprache handelte. Ein wenige Jahre alter Alltags-Vertragstext belehrt einen da schnell eines Besseren:
... 9. That should Lessee occupy said Premises after the expiration of this Lease with the consent of the Lessor, express or implied, such possession shall be construed to be a tenancy from month to month, and subject to all the other terms and conditions contained herein so far as applicable, and Lessee shall pay said Lessor for said Premises the same rent per month as previously charged, for such period as said Lessee may remain in possession thereof. Any notice to terminate by Lessee in a month to month lease shall be given on the 1st day of any calendar month79.
Wie man sieht, ist das Verhältnis der Juristen zu shall ungebrochen. In ähnlich formellen Kontexten (Kongreßreden usw.) taucht dieses shall ebenfalls auf.
Should ist formal Vergangenheits- und Konditionalform von SHALL, wird aber als solche fast nur noch in abhängigen Nebensätzen verwendet. Es belegt im semantischen Feld der Modalverben etwa denselben Platz wie SHALL allgemein, hat aber noch zusätzliche Konnotationen.
Deutlicher als bei shall bleibt die Quelle der Modalität diffus; sie kann nicht in konkreten Personen oder Personengruppen gesehen werden. Vielmehr ist die Quelle der Modalität eine gedachte Entität wie "der gesunde Menschenverstand" oder "das moralische Empfinden der Bevölkerung", Entitäten, die allerdings letzten Endes ihren Ursprung im Urteil vieler Personen haben. Diese sind zwar nicht konkret bestimmbar, aber die Modalität ist sicherlich nicht naturgesetzlich bedingt.
Should zeichnet sich - wie dies von einer Konditionalform auch nicht anders zu erwarten ist - besonders durch seinen tentativen Charakter aus, der im Deutschen am besten durch eigentlich wiedergegeben werden kann. Should gewinnt dabei die Konnotation der Nicht-Aktualität, was es von MUST unterscheidet:
Indeed it seems reasonable to base the distinction between MUST and SHOULD... on the question whether or not there is an implication that the event took place, i.e. on actuality.
*He must come, but he won't
He should come, but he won't80
In Sätzen wie
so I should give you the benefit of the doubt (15.6)
But in any event, full credit should be given to the Cost Section81.
ist die Grundbedeutung unzweifelhaft präsent. Should wird besonders dort gerne verwendet, wo der Sprecher eine ihm nahegelegte Notwendigkeit anzweifelt:
well why should I hand in your work anyway (119.2)
Liegt die Handlung der Proposition in der Vergangenheit, so impliziert should, daß sie nicht ausgeführt wurde, obwohl die Notwendigkeit dazu bestand. Should verhält sich insoweit genauso wie could im Sprechakt COMPLAIN:
I would have done it honestly it's very difficult for me to say anything I really should have handed it in and er but I completely forgot about it and I've just realized it was here I didn't didn't even think it was like that (18.2)
Umgekehrt impliziert shouldn't in diesen Fällen, daß eine Handlung ausgeführt wurde, wiewohl die Notwendigkeit bestand, sie nicht auszuführen:
I shouldn't have left it there I know yes (25.5)
Should verhält sich hier in der Negation also wie MUST, d.h. es wird nicht die Modalität, sondern die Proposition verneint.
Im vorangegangenen Kapitel wurden die Grundbedeutungen der wichtigsten Modalverben dargestellt. Das nun folgende Kapitel befaßt sich mit dem Gebrauch der Modalverben.
Ich gehe dabei so vor, daß ich die einzelnen Modalverben in Beziehung zu den einzelnen Sprechakttypen und den ihnen zugeordneten Partnerhypothesen und Sprecherabsichten setze (vergleiche die theoretischen Ausführungen weiter oben). Bei der Klassifikation der Sprechakte lehne ich mich an EDMONDSON82 an, der in seiner "deskriptivistischen Analyse" die für meine Zwecke am angemessensten erscheinende Klassifikation bietet. Etwaige Abweichungen von seinem Modell habe ich begründet und gekennzeichnet.
Die Sprechakttypen lassen sich in drei große Gruppen unterteilen. In den Sprechakttypen
CLAIM ("BEHAUPTUNG")
TELL ("SELBSTDARSTELLUNG")
REMARK ("BEMERKUNG")
werden die Modalverben in ihrer Grundbedeutung gebraucht; die Beschreibung dieser Typen kann daher knapp ausfallen. In den Sprechakttypen
REQUEST ("BITTE/BEFEHL")
SUGGEST ("RATSCHLAG")
PROPOSE ("VORSCHLAG ")
WILLING ("ANGEBOT")
COMPLAIN ("BESCHWERDE")
LICENSE ("ERLAUBNIS")
EXCUSE ("ENTSCHULDIGUNG")
JUSTIFY ("RECHTFERTIGUNG")
CONDONE ("VERGEBUNG")
UNDERTAKE ("SELBSTVERPFLICHTUNG")
dient dagegen das Modalverb im wesentlichen zur Übermittlung eben dieser Sprechaktfunktion, es erhält eine übertragene Bedeutung. Die Aussage, in der das Modalverb enthalten ist, kann nach dem GRICEschen Kooperativen Prinzip und nach den jeweils vorhandenen Partnerhypothesen nicht als CLAIM, TELL oder REMARK verstanden werden.
In den angegeben Sprechakttypen dieser Gruppe sind die persönliche Beziehungen und Interessen der Sprecher auf eine ganz besondere und nicht-neutrale Weise berührt. Mindestens einer von ihnen fungiert als propositionales Subjekt83.
Die übertragenen Bedeutungen stelle ich gegliedert nach Modalverben dar und untergliedere weiter nach Sprechakttypen.
Dabei wird der Schwerpunkt der Analyse auf dem Modalverb CAN liegen, da es das meistgebrauchte ist und die zu beschreibenden Phänomene hier am leichtesten analysierbar sind. Die Bemerkungen zu anderen Modalverben verstehen sich als Ergänzung und setzen die Kenntnis der Sprechakttypen voraus, wie sie - spezialisiert für die Analyse von Modalverben in Sprechakten - im Abschnitt über den Gebrauch von CAN entwickelt und beschrieben werden.
Die dritte Gruppe enthält nur den Sprechakttyp
OPINE ("MEINUNGSÄUSSERUNG")
Er steht in enger Beziehung zur epistemischen Modalität. Die genauen Beziehungen zwischen OPINE und der epistemischen Modalität sowie zwischen diesen und anderen pragmatischen Verwendungsweisen werden später, wieder für die verschiedenen Modalverben, untersucht werden.
Bei EDMONDSON finden sich drei Sprechakttypen, bei denen man davon ausgehen kann, daß ein gegebenenfalls vorhandenes Modalverb in der Grundbedeutung gebraucht wird, also in der Form
Q CAUSE Mod (A,p)
Partnerhypothesen von S: S glaubt, daß es im Interesse von H ist, die in seiner Aussage enthaltenene Information zu erhalten und daß diese Information für H neu ist.
S glaubt an die Wahrheit seiner Aussage.
S glaubt, daß der Wahrheitswert seiner Aussage - der Wahrheitwert der in ihr enthaltenen Information - eine Frage des Wissens ist und nicht eine Frage der Erfahrung oder der persönlichen Meinung84. S verfolgt mit seiner Absicht keine weiteren Absichten und glaubt, daß H dies erkennen wird.
Formale Beschreibung: S will, daß H glaubt, daß die in seiner Aussage enthaltene Information wahr ist85.
CLAIM ist der neutralste aller Sprechakte und hat zur Voraussetzung nur die vermutete Relevanz der Aussage für H und ihre Wahrhaftigkeit, also nach dem GRICEschen Kooperativen Prinzip ohnehin elementare Anforderungen an jeden Gesprächsbeitrag.
In CLAIM werden Modalverben in ihrer Grundbedeutung gebraucht. Beispiele für solche Verwendungen finden sich in dem betreffenden Kapitel.
Partnerhypothesen von S: S glaubt, daß H an einer besseren Kenntnis der Person von S interessiert ist.
S verfolgt keine weitergehenden Absichten und glaubt, daß H dies erkennen wird.
Formale Beschreibung: S gibt H Informationen über S und will dadurch eine soziale Bindung zwischen S und H herstellen oder festigen86.
TELL unterscheidet sich von CLAIM durch die private Natur der gegebenen Information. H kann den Wahrheitswert der Information nicht objektiv überprüfen, denn es handelt sich ja um Informationen über Sachverhalte, die nur S zugänglich sind.
Auch hier handelt es sich um einen neutralen Sprechakt. Modalverben werden in TELL in der Grundbedeutung gebraucht.
Partnerhypothesen von S: S glaubt, daß ein Aspekt der aktuellen Gesprächsumgebung genauso Teil der gegenwärtigen Erfahrung von H wie der von S ist.
S glaubt, ein mögliches neutrales Thema für das Gespräch bereitzustellen.
Formale Beschreibung: S will, daß H glaubt, daß der betreffende Aspekt der aktuellen Gesprächsumgebung S nicht entgangen ist87.
REMARK unterscheidet sich von CLAIM dadurch, daß es nicht um für H neue Information geht. Vielmehr wird der Fokus der Aufmerksamkeit des Gesprächs zu verschieben versucht. Der Inhalt eines REMARK braucht von keinem besonderen persönlichen Gewicht für H zu sein. Wird ein Modalverb gebraucht, so geschieht dies in der Grundbedeutung, und zwar in der Annahme, daß die aufgezeigte Möglichkeit/Notwendigkeit für H unmittelbar einsichtig ist. Typischerweise ist weder H noch S propositionales Subjekt.
(A und B gehen durch den Zoo.)
A: Some of these monkeys can perform an amazing number of tricks, don't you think?
Als ich die Grundbedeutungen der Modalverben beschrieb, habe ich darauf hingewiesen, daß solche auch dann postuliert werden können, wenn das betreffende Modalverb in dieser Grundbedeutung selten gebraucht wird. Das Verständnis des pragmatischen Gebrauchs setzt die Kenntnis der semantischen Grundbedeutung bei Sprecher und Hörer voraus.
Es kann als Beleg für die Stichhaltigkeit der These von der prototypischen Natur der Grundbedeutungen gewertet werden, daß beim Gebrauch der Modalverben als Sprechaktsignal die vielen Überschneidungen, Gradierungen und Mehrdeutigkeiten weitgehend neutralisiert werden. Ausgebeutet wird beim übertragenen Gebrauch immer nur der tatsächliche Prototyp. Das ist bildlich gesprochen das Zentrum des Segments, das das Modalverb im semantischen Feld einnimmt. Am ehesten neutralisiert sich die Quelle der Modalität.
So basieren alle übertragenen Verwendungen von CAN auf der quellenneutralen Interpretation
M (A,p) ('es ist möglich')
Beim Komplex MUST/HAVE TO/HAVE GOT TO ist es eine diffuse, außerhalb der Person des propositionalen Subjekts liegende Notwendigkeit, während WILL eine subjektive Komponente betont. Dabei geschieht die Auswahl des zu verwendenden Modalverbs nicht nach dieser Unterscheidung allein, sondern auch nach anderen pragmatischen Kriterien. Die in der Grundbedeutung angelegte Dichotomie zwischen externen und internen Quellen der Modalität entspricht in der übertragenen Bedeutung nicht den tatsächlichen Quellen, sondern wird - zusammen mit den durch Tempusformen und andere morphosyntaktische Mittel gegebenen Möglichkeiten - zur Erfüllung der Anforderungen des kooperativen Prinzips und der hörerunterstützenden Maximen, besonders zum Zeichen von Höflichkeit und Bescheidenheit, ausgenutzt. Das ginge aber nicht ohne den Hintergrund der Grundbedeutungen. Denn Höflichkeit usw. können im Bewußtsein der Sprecher nur existieren als Kontrast zu anderen Verhaltensweisen, und genau das spiegelt sich auch in der Sprache wider.
Um ein Beispiel vorwegzunehmen: Wenn nicht die Grundbedeutung von MUST eine externe Notwendigkeit signalisierte, dann könnte diese nicht in Sätzen wie
I am afraid I must go now.
als höfliche Rechtfertigungsformel ausgelegt werden, denn es ist ja möglich, daß der Sprecher gehen will, es zwingt ihn nichts und niemand zu bleiben, aber er will den Hörer nicht verletzen und greift daher zu der - konventionellen und für die Endphase des Gesprächs spezifischen - Strategie, zu behaupten, er sei für das "unkooperative Verhalten" (Abbruch des Gesprächs) nicht verantwortlich.
Ausgegangen wird also bei allen übertragenen Bedeutungen der Modalverben von der übergreifenden Partnerhypothese, daß die Quelle der Modalität - soweit sie für das Gespräch von Bedeutung ist - sowohl Sprecher als auch Hörer bekannt ist.